Wir brauchen Stereotypen : Klischees sind ungerecht - geben uns aber Orientierung

Ohne Vorurteile müsste jeder ständig individuellle, reflektierte Entscheidungen treffen. Gefährlich wird es, wenn sie zu Ausgrenzung führen. Eine Kolumne.

Eine Gruppe junger Männer - das könnte Anmache bedeuten, sagen uns Stereotypen.
Eine Gruppe junger Männer - das könnte Anmache bedeuten, sagen uns Stereotypen.Foto: Jan-Phillip Strobel/dpa

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd wühlt die Menschen in aller Welt auf. Sie denken über Rassismus, Vorurteile und Vorverurteilungen in ihren eigenen Gesellschaften nach.

Es scheint keinen Zweifel zu geben: Stereotype machen das Leben ungerecht und für Minderheiten oft unerträglich.

Doch diese Sicht auf die Probleme der Gegenwart ist nicht nur schief. In ihrer Pauschalität ist sie selbst gefährlich.

Stereotypen sind ungerecht, geben aber Orientierung

Stereotype geben Menschen in brenzligen Situationen Sicherheit und Orientierung. Begegnet einer Frau nachts einer Gruppe angetrunkener junger Männer, wechselt sie die Straßenseite. Eine Wette darauf zu machen, dass es sich bei der Truppe auch um wohlerzogene Abiturienten nach dem Tanzstundenball handeln könnte, wäre zu riskant.

Auch wenn es ungerecht ist: In diesem Fall hilft das Stereotyp, die Lage einzuschätzen und vorsichtig zu handeln.

Ohne Vorurteile bilden sich keine Konventionen heraus

Auch das Stereotyp „Die Deutschen können Corona“ ist nützlich. Die Annahme, dass die Seuche in diesem Land diszipliniert bekämpft wird, schafft ein positives Zugehörigkeitsgefühl. Selbst wenn Einzelne sich nicht an die Regeln halten, in Schlauchbooten singend über den Landwehrkanal schippern, oder in Gottesdiensten laut singen, hilft das Klischee vielen, die Einschränkungen zu befolgen und sich auf der richtigen Seite zu wissen.

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Ohne verbreitete Vorurteile ist es schwer, gemeinsam zu handeln. Es bilden sich keine anerkannten Konventionen, es entstehen keine gesellschaftlichen Einverständnisse, die einfach vorausgesetzt werden können.

Wenn man für alles erst einmal eine individuelle, rationale und reflektierte Entscheidungsfindung benötigt, zerfällt ein Gemeinwesen in seine kleinsten Einheiten, die Individuen.

Gefährlich wird es, wenn Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit ausgegrenzt werden

Deshalb ist die „Ich kenne keine Stereotypen“-Haltung des aufgeklärten Großstädters ein dummes Stereotyp. Zumal: Wenn dem ehrbaren Bewohner der liberalen Gesellschaft ein rechtsnationaler Sachse begegnet, wird er genauso routiniert in die Dumpfbacken-Schublade gesteckt, wie die vegan lebende Meinungsredakteurin montags an der Dresdner Frauenkirche in die Mainstream-Medien-Kiste wandern muss.
Stereotype werden stumpf, wenn sie von der Zeit überholt sind und man dennoch an ihnen festhält. Sie werden gefährlich, wenn Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit ausgegrenzt und gequält werden.

Sie werden kriminell, wenn sie nicht als Reaktions-, sondern als Aktionsmuster herhalten. Es ist scheinheilig, gegen das Klischee an sich zu kämpfen. Gegen seine gefährliche und aggressive Instrumentalisierung aber lohnt sich jeder Kampf.

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