Politik : Wird in Kitas künftig nicht mehr gespielt? UN-Experte kritisiert Erziehung in Deutschland

Anja Kühne

Berlin - Schafft Deutschland in seinen Kitas das Grundrecht zum Spielen ab? Diese Gefahr sieht Vernor Muñoz, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung, heraufziehen. Deutschland kümmere sich zwar mit Nachdruck darum, die Früherziehung zu stärken. Doch konzentriere es sich auf die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen und auf die „formale Erziehung“. Dadurch könne aber „das Spielen als pädagogisches Mittel und Grundrecht abgeschafft werden“, schreibt Muñoz in dem noch nicht veröffentlichten Berichtsentwurf, der dem Tagesspiegel vorliegt. Die endgültige Version will er am 21. Juni in Genf präsentieren.

Der Bericht, in dem Muñoz vor allem die Selektivität des mehrgliedrigen Schulsystems und die Ausgrenzung sozialer Randgruppen, zumal von Migranten, Flüchtlingen und behinderten Kindern, kritisiert, stößt in der Kultusministerkonferenz (KMK) auf Ablehnung. Man werde auf Änderungen hinwirken. „Ein flüchtiger Blick auf die deutsche Schullandschaft rechtfertigt keine weitreichenden Schlussfolgerungen. Der Bericht ist für mich ohne Wert“, sagte Helmut Rau, Kultusminister in Baden-Württemberg, auf Anfrage. Offenbar sei Muñoz mit einer vorgefassten Meinung nach Deutschland gekommen. Auch habe er nicht eine einzige Einrichtung in Baden-Württemberg besucht, könne also kaum über das deutsche System urteilen.

Der UN-Sonderberichterstatter hatte vor einem Jahr Deutschland einen neuntägigen Besuch abgestattet, um zu untersuchen, inwieweit das Recht auf Bildung verwirklicht ist. Aus Sicht von Bundesbildungsministerin Annette Schavan geht Muñoz „zum Teil von falschen Voraussetzungen aus“. So seien behinderte Kinder in deutschen Schulen sehr gut aufgehoben, wie ein Sprecher mitteilte. Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, sagte hingegen, Deutschland müsse über Muñoz’ Feststellung, dass Deutschland seine Schüler zu früh sortiere und Migranten sowie Kinder mit Behinderungen ausgrenze, „dringend nachdenken“.

Muñoz legt der Regierung „eindringlich nahe, das mehrgliedrige Schulsystem, das sehr selektiv und sicher auch diskriminierend ist, noch einmal zu überdenken“. Zwar bemühe sich Deutschland, die Kompetenz der Lehrer in der Sprachförderung zu verstärken. Doch blieben die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Denn Lehrer, die Deutsch als Fremdsprache unterrichteten, setzten dabei die gleiche Methode ein wie bei Schülern mit Deutsch als Muttersprache.

Muñoz kritisiert ferner, der Föderalismus im Bildungswesen erlaube es nicht immer, dem im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatz Rechnung zu tragen. Auch erschwere er den Wohnortwechsel. Generell müsse sich Deutschland um die „Verstärkung der demokratischen Schulkultur“ bemühen. Auch dürfe Eltern das Recht nicht versagt bleiben, ihr Kind zu Hause zu unterrichten. Auf Antrag der Grünen will sich der Bildungsausschuss des Bundestages am 28. März des Themas annehmen.

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