Wirtschaft versus Staat : Das Geld an die Leine nehmen

Der Kapitalismus ist ein grober Kerl. Er kann nicht anders. Beschwerden bitte an die Politik richten, die ihn nicht erzieht. Ein Zwischenruf.

Archivbild aus Berlin mit eindeutiger Aussage. Aber so einfach ist es nicht, findet Kolumnistin Ulla Weidenfeld.
Archivbild aus Berlin mit eindeutiger Aussage. Aber so einfach ist es nicht, findet Kolumnistin Ulla Weidenfeld.Foto: Mike Wolff

Weltweit wird die Kritik am kapitalistischen Wirtschaften lauter, ernsthafter – und für die Verteidiger des Kapitalismus gefährlicher. Selbst glühende Anhänger fragen sich inzwischen, ob man einfach so weiter- machen kann. Doch macht tatsächlich der Kapitalismus schlapp? Oder schwächeln viel mehr seine Gefährten, der ordnende Staat und die offene Gesellschaft?

Wenn sich die eigenen Leute abwenden, muss man sich ernsthaft Sorgen machen. Jüngst dachte der amerikanische Übervater des Kapitalismus, Warren Buffet, laut nach, dass es keinen 88-Jährigen auf der Welt gäbe, der mehr Geld als er habe. Richtig gut konnte er das nicht finden. Vor einer Woche wiederholte der Guru des Privat-Kapitalismus, Blackrock-Chef Larry Fink, seine Forderung, Unternehmen müssten endlich das Streben nach kurzfristigem Gewinn zugunsten einer fairen Art des Wirtschaftens aufgeben. Der Kapitalismus sei zu weit gegangen.

Ohne Regeln verfällt die Wirtschaftsordnung

In Wahrheit waren der Kapitalismus und die Unternehmen schon immer so wie sie heute sind. Doch früher standen ihnen selbstbewusste Staaten gegenüber. Je opportunistischer aber Regierungen heute auf Wettbewerbs- und Monopolregulierung verzichten, je verzagter sie das Steuerrecht anwenden, desto dynamischer verfällt eine Wirtschaftsordnung. Je feindseliger und gleichgültiger die Privilegiertesten den Besitzlosen Aufstieg und Wohlstand verwehren, desto korrupter wird das Grundversprechen gleicher Rechte für alle. Kartelle dürfen nicht erlaubt, Monopole nicht geduldet werden. Die offene Gesellschaft muss aktiv verteidigt und zur Not auch erzwungen werden.

Der Kapitalismus ist quicklebendig. Wie ein junger Jagdhund testet er immer wieder die Grenzen des Erlaubten. Werden die nicht klar durchgesetzt, beginnt das Tier zu wildern. Es macht Beute und frisst sie auf. Ist der Hund schuld? Oder trägt der unverantwortliche Halter, der das Tier nicht erzogen hat, die Verantwortung? Die Marktwirtschaft braucht keine neue Ordnung. Sie braucht nur endlich wieder Ordnung – und Verteidiger, die ernsthaft für sie eintreten.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!