• Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung: Der CO2-Preis kann den gordischen Knoten durchschlagen

Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung : Der CO2-Preis kann den gordischen Knoten durchschlagen

Ein wiederbelebter CO2-Markt schafft neue Märkte - und zugleich mehr globale Gerechtigkeit. Ein Gastbeitrag.

Graciela Chichilnisky Peter Bal
Der Wert der weltweit gehandelten Märkte für CO2-Zertifikate stieg im vergangenen Jahr um 250 Prozent.
Der Wert der weltweit gehandelten Märkte für CO2-Zertifikate stieg im vergangenen Jahr um 250 Prozent.Foto: Jonas Güttler/dpa

Graciela Chichilnisky ist Professorin für Wirtschaft und mathematische Statistik an der Columbia University und Mitautorin von Reversing Climate Change. Peter Bal ist Mitautor von Reversing Climate Change.

Die Klimakrise und die Finanzkrise 2008 sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide haben das gleiche toxische Merkmal des vorherrschenden Wirtschaftsmodells: der Praxis, nicht zukunftsorientiert zu denken und zu handeln.

In gewisser Weise sind beide Krisen auf das gleiche Ereignis zurückzuführen: die Schaffung einer neuen internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Bretton-Woods-Institutionen, die dieser Ordnung zugrunde lagen – die Weltbank und der Internationale Währungsfonds – förderten eine rasche Globalisierung, die durch einen starken Anstieg der Rohstoffexporte aus dem globalen Süden in den globalen Norden gekennzeichnet war. Die Wiederbelebung der neoliberalen Wirtschaftspolitik – einschließlich der Beseitigung von Handelshemmnissen, einer weitreichenden Deregulierung und der Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen – in den späten 1970er Jahren beschleunigte diesen Prozess.

Wachstum und Entwicklung wurden gefördert - doch es hatte große Nachteile

Obwohl Wachstum und Entwicklung der Wirtschaft durch dieses System gefördert wurden, hatte es gravierende Nachteile. Innovative Finanzierungsinstrumente waren jeder Regulierung immer einen Schritt voraus, so dass die Finanzindustrie ihren Einfluss auf die Wirtschaft ausbauen konnte, massive Risiken auf sich nahm und große Gewinne erzielte. Das führte schließlich zur Krise 2008, die das globale Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Da das System wenig sinnvoll reformiert wurde, bestehen bis heute akute systemische Risiken.

Im Umweltbereich zerstörte die zügellose Ressourcenextraktion die Ökosysteme der Entwicklungsländer und förderte gleichzeitig den rasch steigenden Verbrauch – vor allem von Energie – in den Industrieländern. Heute verbrauchen die entwickelten Volkswirtschaften, obwohl sie nur etwa 18 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, etwa 70 Prozent der Weltenergie, von der der überwiegende Teil (87 Prozent) aus fossilen Brennstoffen stammt.

Die Lösung des Problems läuft auf eine einzige Überlegung hinaus: den Erhalt des aktuellen wirtschaftlichen Wohlstands. Die realistische Lösung für die Klimakrise besteht also darin, fossile Energieträger schnell und kostengünstig so weit durch erneuerbare zu ersetzen, dass die Wachstumsmotoren weiter laufen. Der Schlüssel dazu ist ein globaler Kohlenstoffmarkt.

Das Kyoto-Protokoll von 1997 versuchte, ein System von handelbaren Quoten zu nutzen, um einen Preis für die CO2-Emissionen festzulegen. Während sich mehrere Länder weigerten, dem Protokoll beizutreten, trug der geschaffene Kohlenstoffmarkt dazu bei, saubere Energie profitabler und schmutzige Energie weniger rentabel zu machen. Die Welt baute auf dieser Arbeit auf: Der Wert der weltweit gehandelten Märkte für CO2-Zertifikate stieg im vergangenen Jahr um 250 Prozent und übersteigt nun 178 Milliarden Dollar jährlich.

Der gordische Knoten von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung kann durchschlagen werden

Ein wiederbelebter globaler Kohlenstoffmarkt würde dazu beitragen, den gordischen Knoten von Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung zu durchschlagen. Es würde auch praktisch nichts kosten, ein System mit marktbasierter Effizienz zu schaffen und zu betreiben. Ein solches System würde die entwickelten Volkswirtschaften ansprechen, während die Entwicklungsländer es unterstützen würden, weil verbindliche Emissionsgrenzwerte nur für Volkswirtschaften mit hohem und mittlerem Einkommen gelten würden.

Das Potenzial eines globalen CO2-Marktes wächst weiter. Im vergangenen Jahr berichteten die US National Academies of Science, Engineering, and Medicine und das Intergovernmental Panel on Climate Change, dass „negative Emissionstechnologien“, die CO2 aus der Luft entfernen und speichern, sicher skaliert werden könnten, um einen erheblichen Teil der gesamten Emissionen abzuscheiden und zu speichern. Dieses Verfahren wäre so kostengünstig, dass das abgetrennte CO2 gewinnbringend verkauft werden könnte.

Die UN denkt über weitere grüne Märkte nach

Natürlich verursachen die CO2-Emissionen nicht allein die Klimakrise. Auch andere grüne Märkte können geschaffen werden. Bereits vor dem Kyoto-Protokoll hat das Chicago Board of Trade einen privaten Markt für Rechte zur Emission von Schwefeldioxid geschaffen. Die UN erwägt nun, Märkte zum Schutz der Biodiversität und der Wasserscheiden zu nutzen.

Indem sie es den Akteuren ermöglichen, Rechte zur Nutzung der globalen Gemeinschaftsgüter zu kaufen und zu verkaufen, verbinden grüne Märkte natürlich Effizienz und Gerechtigkeit. Und doch behindert das anhaltende Nord-Süd-Gefälle – und insbesondere das Zerwürfnis zwischen den USA und China – unsere Fähigkeit, ihr Potenzial zu nutzen. Wir haben die Mittel, um den Klimawandel zu stoppen und sogar umzukehren. Es ist an der Zeit, zusammenzukommen und sie zu nutzen.

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