• Zehn Beispiele von New York bis Budapest: Jüdische Museen weltweit zeigen, wie politisch Erinnerung ist

Zehn Beispiele von New York bis Budapest : Jüdische Museen weltweit zeigen, wie politisch Erinnerung ist

Der Umgang mit jüdischer Geschichte ist nicht nur in Berlin ein strittiges Thema. Weltweit positionieren sich jüdische Museen zur aktuellen Politik Israels.

Bau der Widersprüche. Mit dem Gebäude des Jüdischen Museums in der Lindenstraße wollte Architekt Daniel Libeskind deutsch-jüdische Geschichte erzählen.
Bau der Widersprüche. Mit dem Gebäude des Jüdischen Museums in der Lindenstraße wollte Architekt Daniel Libeskind deutsch-jüdische...Foto: Jüdisches Museum Berlin

Jüdische Museen wirken wie Mahnmale. Sie sind aber auch so unterschiedlich organisiert und ausgerichtet, wie die Geschichte der Juden vielfältig ist und lang. Welche Rolle spielt die Religion? Gibt es Tabus und wer würde sie festlegen? Wie verhält sich die Politik, sind die – staatlich finanzierten – Häuser autonom? Eindeutige Antworten kann es darauf offenbar nicht geben. Auf dieser Seite finden sich Beispiele, wie jüdische Museen arbeiten. Nicht nur in Berlin verhaken sich Identitäten und Definitionen. Das Gestern und das Heute stehen sich fragend gegenüber.

Zum Beispiel Venedig. 1516 wurde in Cannaregio ein abgeschlossenes Viertel ausgewiesen, in dem Juden wohnen konnten. An dieses Gesetz mussten sie sich halten, sie waren damit auch vor Übergriffen geschützt. Der Name Ghetto stammt daher, italienisch für Gießerei. Dort befindet sich das 1953 gegründete Museo Ebraico, neben anderen Einrichtungen, die an das Leben der Juden in der Lagune erinnern. Das erste Ghetto war eine Mischung von askenasischen, sephardischen, levantinischen Juden. Sie haben eigene museale Orte in der Stadt der vielen Museen und sind von der Entwicklung Venedigs keinesfalls zu trennen.

Zum Beispiel Thessaloniki. In der nördlichen mediterranen Metropole, die damals zum Osmanischen Reich gehörte, war um das Jahr 1900 die Hälfte der Bevölkerung jüdisch. Zwischen März und August 1943 wurden 58.000 griechische Juden in die deutschen Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Das Jüdische Museum von Thessaloniki, 2001 gegründet, zeigt Objekte und Dokumente aus dem 16. bis 20. Jahrhundert. Griechische Geschichte, jüdische Geschichte – auch türkische und spanische. Denn viele Juden in Thessaloniki waren aus Spanien vor der katholischen Verfolgung geflohen. Touristen kommen jetzt nach Thessaloniki, um etwas über das jüdische, multikulturelle Erbe der Hafenstadt zu erfahren.

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Es existieren rund 90 große und kleine jüdische Museen in der Welt, in Argentinien, Australien, Kanada und den USA (dort gibt es die meisten), in Polen, Tschechien, den baltischen Staaten, in Nord- und Südeuropa, in Deutschland sind es ein Dutzend, wobei oft auch Synagogen mitgezählt werden.

Die Frage ist nicht nur, was ist ein jüdisches Museum, vielmehr: Was wird darin gezeigt, wer tritt dort auf, was ist die Aufgabe einer solchen Institution? Darüber wird in Berlin heftiger Streit geführt. Darf sich, soll sich, ja: muss sich ein jüdisches Museum im 21. Jahrhundert mit der Außenwelt beschäftigen, mit antisemitischen Tendenzen in der deutschen Öffentlichkeit oder auch mit der Situation von Juden und Palästinensern in Jerusalem? Wie politisch ist Erinnerung, wie politisch ist Kultur, und kann Kultur überhaupt unpolitisch sein? (Rüdiger Schaper)

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