Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite : Die große Abzocke

Mit der Lehman-Pleite vor zehn Jahren verloren deutsche Sparer ihr Geld und die Banken ihr Vertrauen. Wie konnte es so weit kommen? Eine Reportage.

Ein Schild der insolventen Bank Lehman Brothers wird 2010 in einem Auktionshaus versteigert.
Ein Schild der insolventen Bank Lehman Brothers wird 2010 in einem Auktionshaus versteigert.Foto: AFP/Ben Stansall

Es reicht ein Satz, um Peter Kyritz’ Vertrauen in die Banken zu zerstören. Zehn Jahre ist es her, in den USA ist damals gerade die Investmentbank Lehman Brothers pleitegegangen. Berichte von geprellten Anlegern machen die Runde. Kyritz sagt noch zu seiner Frau: „Gut, dass wir solche Papiere nicht gekauft haben.“ Doch dann ruft ihr Bankberater an. Es gebe Probleme mit ihrem Depot, sie sollten bitte in die Filiale kommen. Dort erfährt Kyritz: Was man ihnen als sichere Festgeldanlage verkauft hat, sind LehmanZertifikate. Kyritz fragt, was das denn nun für sie heiße. Da sagt der Bankberater diesen Satz: „Ihr Geld ist weg.“

Peter Kyritz fühlt sich von seiner Bank verraten, wie so viele deutsche Anleger. Der heute 61-Jährige ist Chemie-Ingenieur, Vater dreier Kinder – kein Zocker. Niemals, sagt er, hätte er sein Geld einer US-Investmentbank anvertraut. Zumal es nicht einmal sein Geld ist. Die 8000 Euro stammen von der Großmutter, Kyritz soll sie für seine älteste Tochter bis zu deren 18.Geburtstag verwahren. Mündelsicher wollen er und seine Frau die Summe daher anlegen. Dem Berater bei der Frankfurter Sparkasse vertraut das Ehepaar, sie kennen ihn seit Jahren – deshalb unterschreiben sie, als er ihnen eine Anlage mit 4,75 Prozent Zinsen empfiehlt. Damals sind das gute, aber keine übertrieben hohen Konditionen. Dass sie gerade Zertifikate von Lehman Brothers kaufen, sagt er ihnen nicht.

So wird Familie Kyritz ungewollt Teil eines perfiden Spiels. Gespielt wird in den USA, an der Wall Street, wo die Investmentbanker Milliarden scheffeln. Lehman Brothers ist damals die Nummer vier am Markt für komplexe Finanzgeschäfte und will aufschließen zu Goldman Sachs, dem Branchenprimus. Deshalb lässt sich Lehman-Chef Richard Fuld auf riskante Deals ein. Das nötige Kapital dafür besorgt er sich bei Anlegern: bei deutschen Sparern wie Peter Kyritz.

Warum bei ihnen? Zum einen sind diese Finanzpapiere damals in Deutschland erlaubt – anders als in den USA oder Frankreich. Zum anderen sind die Sparer hierzulande gutgläubig. Die Bank ist für sie eine ehrbare Institution, dem Bankberater vertrauen die Kunden. Das macht sie zu „leicht erreichbaren Opfern“, kurz Leos. Später verspotten die Banker sie als AD-Kunden, als „alt und doof“.

Denn Kyritz ist einer der wenigen jüngeren Lehman-Geschädigten. „Verglichen mit anderen Fällen des Anlagebetrugs sind bei Lehman Brothers auffällig viele Senioren betroffen“, sagt Matthias Schröder, Anwalt für Kapitalmarktrecht in Frankfurt am Main. Die Bankkunden, die nach der Lehman-Pleite bei ihm Rat suchen, sind oft 80, teils 90 Jahre alt. Menschen, die ihr Geld sicher anlegen wollen. Und die nicht ahnen, dass sie mit den Papieren zu Spekulanten werden.

Denn mit Festgeld, was auch Familie Kyritz abschließen wollte, haben die Zertifikate nichts zu tun. Stattdessen wetten die Anleger mit den Papieren auf die Entwicklung von Aktienindizes – mal ist es der deutsche Dax, mal der japanische Nikkei. Klar ist das den meisten nicht. Auch wissen sie nicht, dass die Papiere von Lehman Brothers stammen.

Der Grund: Um möglichst viele Zertifikate in Deutschland loszuwerden, vertreiben die Amerikaner sie als White-Label-Produkte. Die hiesigen Banken können sie also als ihre eigene Anlage ausgeben. Um das möglichst einfach zu machen, liefert Lehman Brothers sogar die passenden Flyer: Die Banken müssen einzig die Farben anpassen und ihren Schriftzug einfügen. Auch Familie Kyritz bekommt einen solchen Flyer in die Hand gedrückt. „Frankfurter Sparkasse“ steht auf dem Titelblatt, in weißer Schrift auf rotem Grund, darunter sind Pralinen abgebildet. Andere Flyer zeigen eine Segeljacht oder Rentner auf dem Golfplatz. Nur auf der Rückseite steht in kleiner Schrift der eigentliche Absender: Lehman Brothers.

Dass die deutschen Banken – selbst die Sparkassen – dabei mitziehen, hat nicht nur mit Bequemlichkeit zu tun. Sie verdienen auch gut daran, den Kunden diese Papiere zu verkaufen: Lehman Brothers zahlt ihnen hohe Provisionen. „Vor Gericht haben viele Bankberater von einem enormen Verkaufsdruck berichtet“, sagt Schröder. So sollen die jeweiligen Banken etwa Listen geführt haben, welcher Mitarbeiter wie viele Zertifikate verkauft hat.

Auch deshalb fällt ein Wort in den Beratungen so gut wie nie: Totalverlust. Dabei können die Sparer im Fall einer Pleite von Lehman Brothers ihr gesamtes investiertes Geld verlieren. Und dann passiert eben genau das: Am 15. September 2008 geht Lehman Brothers unter – die Papiere, die man 50.000 deutschen Sparern als sichere Anlage verkauft hat, sind wertlos.

Die Lehman-Geschädigten fordern ihr Geld zurück - die Institute wiegeln ab

Auch Cornelia Bickert ist damals betroffen. 10.000 Euro hat sie in Lehman-Zertifikaten angelegt, fast ihre gesamten Ersparnisse. Bickert ist damals alleinerziehend, arbeitet in Teilzeit – noch einmal eine solche Summe fürs Alter ansparen zu können, scheint ihr unmöglich. Sie ist empört. Auf einer Infoveranstaltung lernt sie Peter Kyritz kennen. Die beiden beschließen, sich zu wehren. Sie gründen in Frankfurt einen Stammtisch für Betroffene, organisieren Demonstrationen. Über 400 Menschen schließen sich ihnen allein in Frankfurt an. Auch in anderen Städten entstehen Aktionsgruppen.

Bundesweit gehen damals Sparer auf die Straße. Selbst Rentner, die ihr Leben lang keine einzige Demonstration besucht haben, malen Transparente. Jeden Donnerstag treffen Kyritz und Bickert sich in Frankfurt mit anderen Betroffenen zur Mahnwache. Sie führen auf der Straße Theaterstücke auf, verkleiden sich, lassen Luftballons steigen. Auch die Bankfiliale legen sie einmal lahm – mit einer Krötenwanderung, wie sie es nennen. Sie heben am Bankschalter 432 Euro ab, dann stellen sie sich hinten erneut an, zahlen das Geld wieder ein. „Anderthalb Stunden waren die Banker nur mit uns beschäftigt“, erzählt Kyritz. „Wir wollten damit zeigen, dass wir immer noch da sind.“

Denn der Streit mit den Banken zieht sich hin. Die Lehman-Geschädigten fordern ihr Geld zurück – die Institute wiegeln ab. Peter Kyritz hat dabei noch Glück. Bereits im April 2009, ein halbes Jahr nach der Pleite, bietet die Sparkasse ihm eine Abfindung an. Zwei Drittel der angelegten 8000 Euro erhält er auf diese Weise zurück. Cornelia Bickert muss hingegen erst vor Gericht ziehen, bevor sie sich mit dem Institut auf eine Erstattung von 75 Prozent einigt. Und damit kommen beide noch gut weg. Nicht alle Banken bieten den Kunden etwas an und auch die Richter entscheiden nicht immer im Sinne der Lehman-Opfer.

Dazu kommt: Wie im Fall von Bickert zahlen die Banken die Entschädigung oft nur, wenn sie ihre Zertifikate zurückgeben. Damals scheint das unbedeutend, nach der Lehman-Pleite gelten die Papiere als wertlos. Doch wer die Zertifikate behält, bekommt in den nächsten Jahren immer wieder Zahlungen aus dem Insolvenzverfahren. Mal sind es 100 Euro, mal 200. Peter Kyritz hat auf diese Weise seinen Verlust inzwischen wettgemacht. Von anderen Anlegern heißt es, dass sie sogar mit einem kleinen Gewinn dastehen.

Denn die Insolvenzverwalter in den USA konnten bis heute sehr viel mehr als erwartet aus der Pleite-Bank herausholen. Noch immer ist das Verfahren nicht abgeschlossen. Bis heute fließen Gelder an die Gläubiger und damit auch an die niederländische Tochter, die das Geld wiederum an die deutschen Anleger verteilt. Niels Huurdeman, der zuständige Insolvenzverwalter in den Niederlanden, hat nach eigenen Angaben mittlerweile zwölf Milliarden Dollar an die Gläubiger ausschütten können – gut ein Drittel der Ansprüche, die er einst ermittelt hat.

Dabei geht es für Lehman-Opfer wie Peter Kyritz nicht nur ums Geld. Während er das Ersparte seiner Tochter wiederbekommen hat, ist sein Vertrauen in die Banken verloren. Sein Konto bei der Frankfurter Sparkasse, der er seit den siebziger Jahren treu war, hat er gekündigt. Und auch den Beratern seiner heutigen Bank traut er nicht über den Weg. Immer wieder rufen sie ihn an, wollen ihn überreden, Geld anzulegen, das er unverzinst auf dem Konto liegen hat. Doch Kyritz lehnt jedes Mal ab, nicht noch einmal will er etwas wie die Lehman-Zertifikate angedreht bekommen. Er sagt: „Lieber hebe ich das Geld ab und verstecke es.“

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