Zensur in China : Das verbotene N

Internetzensoren haben es in China zurzeit nicht einfach. Sie müssen "Winnie Puuh", "ein Flugzeug besteigen" und sogar den Buchstaben "N" löschen. Eine Glosse.

Benedikt Voigt
In China wird Winnie Puuh (hier eine Szene aus dem Disney-Zeichentrickfilm Pu der Bär) zurzeit zensiert.
In China wird Winnie Puuh (hier eine Szene aus dem Disney-Zeichentrickfilm Pu der Bär) zurzeit zensiert.Foto: picture-alliance/ dpa

Wäre es nicht so ein unmoralischer Job, müssten wir in diesen Tagen fast Mitleid bekommen mit den Zensoren des chinesischen Internets. Sie leiden gerade doppelt unter Stress: Zum einen beginnt am Sonntag in Peking die politisch hochsensible Zeit des jährlichen Volkskongresses. Zum anderen hat die alleinherrschende Kommunistische Partei bekannt gegeben, dass sie Präsident Xi Jinping per Verfassungsänderung eine unbegrenzte Amtszeit gönnen will. Viele Chinesen finden das nicht so gut – und wollen das ihren Mitmenschen auch mitteilen. Also schreiben sie ins Internet: „Ich finde das nicht so gut.“ Das ist dann der Moment, in dem die chinesischen Zensoren eingreifen.

Doch so einfach bleibt es nicht. Natürlich haben die chinesischen Internetnutzer bemerkt, dass simple Unmutsäußerungen eine sehr geringe Halbwertszeit besitzen. Weshalb sie ihre Kritik am neuen Kaiser von China indirekter ausdrücken – „Kaiser von China“ darf übrigens nicht verwendet werden. Deshalb benutzen Chinas Internetnutzer zum Beispiel die Disney-Figur Winnie Puuh als Metapher für Xi Jinping, weil sie dem chinesischen Präsidenten durchaus ähnlich sieht. Was also hat ein Zensor zu tun, wenn er im Internet ein Bild entdeckt, auf dem Winnie Puuh wie ein Kaiser eine Krone trägt? Löschen. Oder ein Bild, auf dem Winnie Puuh am Honigtopf festklebt? Auch löschen.

Zurzeit sollen die Zensoren die Situation im Griff haben

Die Zensoren müssen aber auch geschichtlich bewandert sein. Sie müssen wissen, dass Yuan Shikai Warlord und erster Präsident der Republik China war, der sich später zum Kaiser ausrief. „Yuan Shikai“ ist daher auch verboten. Auch die Schriftzeichen dengji („ein Flugzeug besteigen“) sind zurzeit nicht erlaubt. Weil sie genauso ausgesprochen werden wie die Zeichen für dengji („den Thron besteigen“).

Wir sehen, Zensur in China ist kein einfaches Unterfangen. Vielleicht sollten wir deshalb ein wenig Verständnis für jenen Zensor haben, der in dieser Woche im Übereifer den lateinischen Buchstaben „N“ auf die Liste der zu zensierenden Begriffe gesetzt hat. Er oder sie dachte wohl daran, dass N mathematisch eine Variable darstellen kann und folglich Xi Jinping nun „n Amtszeiten“ präsidieren kann. Doch das war vielleicht nicht so gut bedacht. Obwohl Chinesen überwiegend chinesische Schriftzeichen verwenden, können sie im Internet das lateinische „N“ durchaus gebrauchen. Etwa wenn sie englische Wörter schreiben wollen. Auf jeden Fall ist das „N“ nach kurzer Zeit wieder erlaubt worden.

Zurzeit sollen die Zensoren die Situation im Griff haben. Sollten allerdings die Proteste im Internet überhand nehmen, bringt ein Experte im „Guardian“ eine weitere Möglichkeit ins Spiel: Die Behörden könnten das chinesische Internet auch ganz abschalten.

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