Zentralbankchef lässt Erdogan abblitzen : Murat Cetinkaya bezahlt mit seinem Job

Als Zentralbankchef sperrte sich Murat Cetinkaya gegen die Forderung, die Leitzinsen zu senken. Dafür wurde er von Präsident Erdogan gefeuert. Ein Porträt.

Murat Cetinkaya
Murat CetinkayaFoto: Umit Bektas / REUTERS

Auch ihm selbst muss klar gewesen sein, dass er sich in seinem Job zuletzt auf sehr dünnem Eis bewegte: Als Chef der türkischen Zentralbank sperrte sich Murat Cetinkaya wiederholt gegen die Forderung von Präsident Recep Tayyip Erdogan, die Leitzinsen zu senken. In der Nacht zum Samstag feuerte Erdogan den 43-jährigen Währungshüter Cetinkaya per Erlass. Nun steht die türkische Lira laut Experten vor einer neuen Talfahrt.

Knapp ein Jahr hatte Cetinkaya bis zur Vollendung seiner Amtszeit noch vor sich, als er jetzt von Erdogan vom Hof gejagt wurde. Er ist der erste türkische Zentralbankchef überhaupt, der vor dem Ende seines Mandats gehen musste. Damit endet eine steile Karriere: Nach dem Studium an der angesehenen Bosporus-Universität in Istanbul arbeitete sich Cetinkaya in mehreren Banken nach oben. Mit 36 Jahren wechselte er im Jahr 2012 als Vizepräsident zur Zentralbank, im April 2016 wurde er Chef.

Nominell ist die türkische Zentralbank seit der katastrophalen Wirtschaftskrise des Jahres 2001 unabhängig. Die Aufseher über die Lira sollen frei von politischem Druck handeln können. Doch im vergangenen Jahr schockte der Präsident die Investoren mit der Mitteilung, dass er selbst mehr Kontrolle über die Währungspolitik übernehmen werde. Erdogan ist der Ansicht, dass Zinssenkungen die Inflation bekämpfen – der Rest der Welt sagt das Gegenteil: Höhere Zinsen sind das Mittel gegen die Geldentwertung.

Unter Erdogans Druck zögerte Cetinkaya voriges Jahr trotz vieler Alarmzeichen lange mit einer Zinserhöhung. Die Glaubwürdigkeit der Zentralbank – ihr wichtigstes Kapital – wurde schwer beschädigt, die Türkei rutschte in die Krise. Als Erdogan von Beratern schließlich doch zur Zustimmung zu einem Zinsschritt bewegt wurde, erhöhte Cetinkaya den Leitzins gleich von 17,75 auf 24 Prozent. Da steht er noch heute.

Zuletzt habe er Cetinkaya immer wieder zu Zinssenkungen aufgefordert, doch der Zentralbankchef habe sich quergestellt, sagte Erdogan der Zeitung „Hürriyet“ zufolge nach der Entlassung. Ersetzt wird Cetinkaya durch seinen Vize Murat Uysal. Von ihm erwartet Erdogan mehr Gehorsam. Ende des Monats steht die nächste Zinsentscheidung an. Mindestens bis dahin drohen der Türkei heftige Turbulenzen. Denn Erdogan hat den Anlegern gezeigt, dass er eine Unabhängigkeit der Zentralbank nicht hinnehmen will.

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