Politik : Zu Gast bei Freunden

Afghanistans Präsident setzt im Kampf gegen die Taliban auf seine Armee – um Vertrauen zurückzuerobern

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Berlin - In Deutschland ist Hamid Karsai noch immer ein gern gesehener Gast. Deshalb fand selbst die Bundeskanzlerin am Montag kurzfristig Zeit für den afghanischen Präsidenten. Greifbare Ergebnisse ihrer Begegnung hatten die beiden im Anschluss nicht zu verkünden, doch für Karsai zählen derzeit auch symbolische Gesten. Denn der einst als Hoffnungsträger gefeierte Staatschef verliert mehr und mehr das Vertrauen seiner Bevölkerung – und seiner Partner im Westen.

Laut einer am Montag veröffentlichten Umfrage halten die meisten Afghanen die Regierung Karsai für korrupt und unfähig. 60 Prozent der mehr als 1250 Befragten aus 13 Provinzen erklärten demnach, die Zustände in Afghanistan seien heute schlimmer als zur Zeit der Sowjetherrschaft und unter den Taliban, wie die Organisation Integrity Watch Afghanistan berichtet. Westliche Beobachter sehen das ähnlich. „Karsai hat zu wenig gegen die Korruption getan, das hat seinem Ansehen im Inland und auch im Ausland geschadet“, sagt Citha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Ob jemand eine Genehmigung in einem Ministerium beantragen wolle oder zur Behandlung ins Krankenhaus müsse, ohne Bestechungsgeld werde er nicht einmal vom Pförtner durchgelassen, weiß die Afghanistanexpertin zu berichten.

Die Sicherheitslage hat sich trotz massiver Militärpräsenz der internationalen Gemeinschaft in einigen Landesteilen sogar deutlich verschlechtert. In Kabul explodierte am Montag eine Autobombe in der Nähe eines Konvois der amerikanischen Botschaft. Im Süden und Osten der Hauptstadt kämpfen ausländische Truppen weiter gegen die Taliban – wobei immer wieder unbeteiligte Zivilisten ums Leben kommen. Die Wut der Bevölkerung über solche fehlgeleiteten Angriffe richtet sich auch gegen Karsai, weil er als Marionette des Westens, konkret der USA, gesehen wird. In Berlin traten Karsai und sein Außenminister nun die Flucht nach vorn an. Vor Journalisten sagte Außenminister Rangin Dadfar Spanta, die einheimische Bevölkerung sei bereit, den Kampf gegen Extremisten selbst zu führen. „Wir müssen nur in die Lage versetzt werden.“ Karsai wurde konkreter: „Wir brauchen eine gut trainierte und ausgerüstete Armee.“ Dies werde für die internationale Gemeinschaft im Endeffekt preiswerter als die gegenwärtige Stationierung eigener Militäreinheiten in seinem Land. Der Präsident hatte schon 2002 ein Dekret erlassen, wonach in kurzer Zeit eine Armee mit 70 000 Soldaten aufgebaut werden sollte. Mehr als 35 000 – eher schlecht ausgebildete – Männer sind es bisher nicht geworden.

Direkte Forderungen im Zusammenhang mit der Ausbildung weiterer Rekruten stellte Karsai jetzt nicht. Und auch einen Zeitrahmen für den möglichen Abzug der Nato-Truppen blieb er schuldig. Im Gegenteil: Noch begrüßt Afghanistans Regierung das ausländische Engagement. Karsai bedankte sich ausdrücklich für den Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge im Süden seines Landes. Die Bevölkerung in Afghanistan sehe dies als „psychologische Garantie“ für die eigene Sicherheit, sagte er. Kanzlerin Angela Merkel zog nach dem Treffen eine positive Bilanz der deutschen Afghanistanhilfe: „Unser Konzept einer militärischen Säule und einer Entwicklungszusammenarbeit ist die richtige Mischung.“ Das hätten die Erfahrungen im Norden gezeigt, wo die Sicherheitslage relativ stabil sei.

Afghanistanexpertin Maaß hält das Engagement für verbesserungswürdig. „Afghanistan muss endlich Chefinsache werden“, sagte sie dem Tagesspiegel. Außer im Norden solle sich Deutschland stärker im Südosten beteiligen. „In den Provinzen Paktia und Khost waren in den 70er Jahren deutsche Entwicklungsexperten tätig, dort würden die Deutschen mit offenen Armen empfangen – von Menschen, die sogar deutsch gelernt haben.“

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