Der kosmopolitische Deutsche war offen für andere Positionen

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Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt : Deutscher Weltbürger, nationaler Kosmopolit
Werner A. Perger

Natürlich ist Brandt in Europa nicht der Einzige, dessen Fähigkeiten und Autorität angesichts des gegenwärtigen Führungsvakuums schmerzlich vermisst werden. In Gesprächskreisen mit internationaler Beteiligung werden auch Erinnerungen an Giscard oder Mitterrand, Heath und Callaghan, Schmidt oder Kohl, González, Brundtland, Palme und Kreisky beschworen. Was Willy Brandt aber aus diesem ansehnlichen Ensemble ehemaliger Führungsfiguren herausragen lässt, dürfte wesentlich an seiner politischen Biografie liegen. Sie hat aus ihm, dem linken deutschen Sozialisten und Demokraten, schon früh einen engagierten linken Demokraten und Europäer gemacht.

Sein politischer Kampf aus dem skandinavischen Exil gegen das Naziregime führte ihn, den jungen Antifaschisten, schon früh mit Gleichgesinnten auf dem überall vom Faschismus und von der deutschen Kriegsmaschine bedrohten Kontinent zusammen. Der kosmopolitische Deutsche, der Brandt bis zuletzt war, auch und gerade im historischen Moment der Vereinigung, hatte schon früh gelernt, das eigene Land auch mit den Augen der anderen zu sehen. Das machte ihn in seinem politischen Leben auch im Fall von Gegensätzen offen für die Standpunkte der anderen, half beim Aufbau von Vertrauen und ermöglichte es ihm schließlich, deutsche Interessen zu vertreten, ohne sich einem falschen Verdacht auszusetzen.

Seine Erfahrungen in Skandinavien haben Brandt in diesem Sinne ebenso geprägt wie die Beobachtungen und Begegnungen im Spanien des Bürgerkriegs und die Gefahren der illegalen Arbeit in Deutschland. Er beschreibt diese Phase seines Lebens zwischen 1930 und 1950 in dem Buch „Links und frei“ (1982). Es handelt vom Widerstand gegen das Hitlerregime und von der Wiederkehr ins demoralisierte Westdeutschland und zerstörte Berlin.

Für mich ist es die spannendste Autobiografie eines deutschen Politikers aus dieser schwierigsten Periode der jüngsten europäischen Geschichte. Man beginnt bei der Lektüre zu verstehen, wie der Mann zu dem manchmal rätselhaften Menschen wurde, als den man ihn später kennen, schätzen und respektieren gelernt hat. Schon in seinen frühen politischen Jahren, als antifaschistischer Kämpfer im Exil und dann als antikommunistischer Sozialdemokrat im geteilten Trümmer-Berlin, war Brandt offenkundig in der Lage, die Einzelteile des zerstückelten europäischen Ganzen zusammen zu schauen. Man ahnt, dass Brandts Merksatz vom Tag nach der Öffnung der Mauer – „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ – in ihm schon früh angelegt war. Als wäre da ein politisches Lebensmotto schon entstanden, eine inhaltliche Klammer, die den jungen Brandt mit dem alten verbindet, den einstigen Aktivisten mit dem späten Staatsmann.

Eine Besonderheit, die aus den Kampfjahren bis in die Zeit des reifen Staatsmanns reichte, ist die ungewöhnliche deutsch-österreichische Achse zwischen dem Lübecker Willy Brandt und dem Wiener Bruno Kreisky. Eine „skandinavische“ Achse, begründet in der antifaschistischen Emigration in Stockholm, in den 1970er Jahren dann verstärkt um den jüngeren schwedischen Partei- und Regierungschef Olof Palme. Der Männerbund der drei Parteivorsitzenden war im internationalen Kontext ohne nennenswertes Gewicht. Doch es war auf interessante Weise ungewöhnlich und irgendwie exotisch. Ihr Gedankenaustausch ging über das normale Maß gutnachbarschaftlicher Beziehungen weit hinaus. Er bewegte sich auch da, wo sie ihre gemeinsamen Überlegungen öffentlich machten, deutlich abseits vom westlichen Mainstream. Für Brandt war dieser Dreierbund außerdem auch eine Hilfe bei dem Bemühen, das persönliche emotionale Tief nach dem etwas mysteriösen Rücktritt vom Kanzleramt 1974 zu überwinden.

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