Der Weg ins Kanzleramt war mit Winkelzügen gepflastert

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Zum Tod von Helmut Kohl : Mit der Wucht des großen Kriegers
Helmut Kohl und den französischen Präsident Francois Mitterrand verband eine tiefe Freundschaft.
Helmut Kohl und den französischen Präsident Francois Mitterrand verband eine tiefe Freundschaft.Foto: AFP

Es sollte ja auch noch ein bisschen dauern dahin. Der Weg ins Kanzleramt war mit Winkelzügen gepflastert, die den Kandidaten als Taktiker zeigten. 1976 bekam der Kanzlerkandidat Kohl fast die absolute Mehrheit, aber die sozialliberale unter Schmidt blieb im Amt, und er ging als Oppositionsführer nach Bonn. Weiteren Ambitionen stand aber „Männerfreund“ Franz Josef Strauß im Weg. Kohl, von Konkurrenten in den eigenen Reihen zusätzlich unter Druck gesetzt, musste dem CSU-Chef beim nächsten Anlauf gegen die sozialliberale Koalition 1980 den Vortritt lassen. Fast hätte ihn sein Widerstand den Fraktionsvorsitz gekostet. Aber Kohl, reif für den Rücktritt, blieb einfach sitzen. Und es kam, wie er vermutet hatte: Strauß’ Kandidatur mobilisierte die Gegner statt der eigenen Anhänger und scheiterte. Kohls gelehrige Schülerin Angela Merkel hat das Szenario später ganz ähnlich nachgespielt.

Zur Macht verhalf Kohl ein Putsch anderer. 1982 kündigte die FDP unter Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher der SPD Helmut Schmidts die Koalition auf und verhalf Kohl ins Kanzleramt. Er sollte dort 16 Jahre lang bleiben.

Selbstverständlich erschien das ganz und gar nicht. Kohl war in der eigenen Partei weit entfernt vom Patriarchen der späten Jahre. Der Weg zur Macht hatte Gescheiterte und Verletzte hinterlassen, von Kurt Biedenkopf bis Ernst Albrecht. Zeitlebens ein schlechter Redner, lieferte Kohl mit pfälzisch vernuschelter Grammatik Material für das Zerrbild des tumben Provinzlers mit der seltsamen Vorliebe für Saumagen. Er hat das trotzig gepflegt und Staatsoberhäupter im „Deidesheimer Hof“ mit der Lokalspezialität bewirtet. Kohl wusste ja, dass sie schmeckt. Das erste Andenken im Geschichtsmuseum noch zu Lebzeiten war bezeichnenderweise die Strickjacke, in der er Michail Gorbatschow im Kaukasus das Ja zur Einheit abluchste.

Kohls Kanzlerjahre zerfielen in zwei scharf getrennte Phasen: Vor 1989 – und danach. Wäre es bei der ersten Phase geblieben, müsste jetzt die mäßig interessante Geschichte eines Pragmatikers folgen. Der verstand sich auf Macht und wartete mit Festlegungen, bis klar war, wohin der Zug ging. Die Zeiten waren durchaus aufgeregt. Nato-Nachrüstung, Gesundheits-, Renten- und Steuerreformen, Ronald Reagans „Krieg der Sterne“ und die Katastrophe von Tschernobyl entzündeten heftige Debatten. Aber selbst die – von Vorgänger Schmidt beschlossene – Nachrüstung mit Mittelstrecken-Atomraketen wurde erst viel später als Schachzug deutbar, der der Sowjetunion finanziell das Rückgrat brach.

Kohls Machtbasis in den eigenen Reihen blieb prekär, das Verhältnis zur CSU und zur gewendeten FDP kompliziert. Geholfen hat ihm oft das legendäre Adressbuch, das verblüfften CDU-Kreisvorsitzenden vor wichtigen Partei-Entscheidungen abendliche Anrufe des Kanzlers höchstpersönlich eintrug. Kohl erinnerte dann gerne an die Begegnung beim Weinfest vor acht Jahren, die der derart Umschmeichelte längst vergessen hatte. Die Basis, nicht das Parteiestablishment, wurde seine beste Stütze. Auf sie berief er sich, die verstand er, auf sie konnte er bauen, so wie sie auf ihn baute - ein pater familias in der Familie CDU.

Loyalität im engeren Umfeld war eine schwierige, zweischneidige Angelegenheit. Kohl konnte Gefolgschaften um sich herum schaffen, einen kleinen Kreis Bedingungsloser. Als seine langjährige Sekretärin Juliane Weber sich im Spenden-Untersuchungsausschuss an nichts erinnerte, trug ihre Handtasche dezent seine Initialen. Aber der misstrauische Riese hielt selbst enge Begleiter stets ein Stück auf Distanz. Aufkündigung von Gefolgschaft nahm er sofort persönlich; wer einmal draußen war, verfiel in Bann.

1989 war Helmut Kohl politisch erstmal am Ende

Politik war sein Leben, und Politik war ihm Krieg. Wer da überleben will, muss wachsam sein. Er wusste zu gut, dass viele nicht die Nähe zu ihm suchten, sondern die Nähe zur Macht. Über Andere konnte er verletzend urteilen, rüpeln wie auf dem Schulhof, aber war – auch das gehört zur Wahrheit – oft hellsichtig in der Einschätzung von Stärken und Schwächen. Gleichgestellte hat er geschickt umarmt. In Europa und der Welt machte er das Du und die Sauna-Freundschaft zu Instrumenten der Diplomatie.

1989 war Helmut Kohl allerdings politisch erstmal am Ende. Sicher, er hatte den Putsch von Bremen überlebt. Eine Gruppe um Geißler, Süssmuth und Biedenkopf wollte beim Parteitag Lothar Späth zum CDU-Chef machen. Kohl hatte Wind bekommen und rührte sich nicht vom Bühnenplatz, obwohl ein Prostata-Geschwür höllisch schmerzte. Der Putsch brach ab, bevor er begann.

Kohl stand trotzdem das Ende vor Augen. Er hatte ein Thema unterschätzt, das zum ersten Mal in der Geschichte der Republik sogar die Parteienlandschaft veränderte: die Umweltbewegung, die das „Ende des Wachstums“ beschwor. Der alte Kohl hat eingeräumt, dass es ein Fehler war, Öko-Pioniere wie Herbert Gruhl aus der CDU zu graulen. Der aktive Kohl hielt die Ökos für einen letzten Nachhall der ’68 in Grobstrick-Pullovern und Rot-Grün in Hessen mit dem Turnschuhminister Joschka Fischer für einen Witz. Als er Walter Wallmann zum ersten Bundesumweltminister der Republik ernannte, war Tschernobyl schon explodiert. Kohl hatte taktisch richtig reagiert, aber strategisch zu spät.

Die Weltgeschichte hat ihn gerettet. Der Ostblock begann zu bröckeln, die Menschen zogen auf die Straßen, zuletzt brach die Mauer zusammen. Und auf einmal war das Kind des letzten Krieges genau der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er hatte sich vorher nie verständlich machen können mit seinen Versuchen, die Traumata des 20. Jahrhunderts symbolisch zu überwinden.

Das Wort von der „Gnade der späten Geburt“ beim Israel-Besuch – ein Zitat von Günther Grass – wurde ihm ebenso als Revisionismus ausgelegt wie die Treffen an den Soldatengräbern von Verdun und Bitburg mit dem Franzosen François Mitterrand und dem Amerikaner Ronald Reagan. Dass da nebenbei der kleine Helmut den eigenen Schmerz zu bannen versuchte, hat keiner begriffen. „Ich weiß, wovon ich rede“, hat er noch im Herbst 2014 in einem Appell für Europa beschworen. „Ich habe viele Tote gesehen.“ Europa als Friedenswerk – schon für die Generation nach ihm war das nur noch Floskel. Für ihn nie.

Aber als die Mauer fiel, passte alles wieder zusammen. Der historische Blick ergänzte sich bestens mit der nüchternen Sicht des Kleinbürgers. Der war sicher: Freiheit bedeutete den meisten Menschen hinter der Mauer ganz praktisch die Freiheit zu kaufen und zu reisen. Er kannte die kleinen Leute daheim – wieso sollten die in Dresden und Rostock so viel anders sein?

Kohl hat die Einheit nicht herbeigeführt. Aber er hat in unübersichtlichen Lagen richtig gehandelt, den richtigen Ton und das richtige Tempo getroffen, manchmal genau überlegt, oft instinktiv. Es gab da diesen Moment im Kreis europäischer Staats- und Regierungschefs, als Margaret Thatcher wieder vor der Rückkehr eines großdeutschen Reichs warnte. Kohl hat nicht argumentiert, sondern die Geschichte seines gefallenen Bruders erzählt. Es soll sehr still geworden sein.

Die Britin hat natürlich trotzdem weiter gepokert. Aber Kohl wurde trotzdem der „Kanzler der Einheit“. Nach dem Wahlsieg 1990 über den saarländischen Super-Wessi Oskar Lafontaine blieben ihm noch acht Jahre, das Erreichte abzusichern. Kohl ging den Weg, der ihm historisch vorgezeichnet schien. Dass deutsche Einheit und europäische Einheit die zwei Seiten einer Medaille seien, hat er von da an wiederholt, bis es wirklich keiner mehr hören mochte.

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