Die Ära Kohl endete am 27. September 1998

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Zum Tod von Helmut Kohl : Mit der Wucht des großen Kriegers
In seinen letzten Jahren zeigte sich Helmut Kohl nur noch selten in der Öffentlichkeit.
In seinen letzten Jahren zeigte sich Helmut Kohl nur noch selten in der Öffentlichkeit.Foto: AFP

Geprägt hat er beide Seiten der Münze wie kein Zweiter, ebenso geschickt wie beharrlich. Bloß kein Großmachtgehabe, lieber zu leise auftreten in Europa als zu laut, die enge Freundschaft zu Paris beschwören notfalls wider besseres Wissen, das eigene Licht unter dem Scheffel verstecken, ökonomisch, militärisch sowieso. Dass der FDP-Außenminister Klaus Kinkel die eigene Regierung gegen den Jugoslawien-Einsatz der Bundeswehr verklagen konnte, ohne dass die Koalition zerbrach, war nur möglich mit dem Kriegskind auf dem Kanzlerstuhl. Kohl hat lieber gezahlt als Soldaten geschickt. Der Vertrag von Maastricht und der Euro waren nur möglich, weil der Wirtschaftsriese sich winzig machte.

Aber Kohl wusste, was er tat. Die gemeinsame Währung war kein romantischer Tribut an ein erträumtes Europa. Kohl war immer überzeugt, dass Deutschland seine Stärke nur im Verbund mit den Nachbarn nutzen könne. Er war Machtpolitiker genug, um die Osterweiterung der EU als einzigen Weg zu sehen, eine neue Spaltung Europas zu verhindern.

Und der Deutsche hatte begriffen, dass sich die Welt änderte. Kohl reiste mit großen Wirtschaftsdelegationen durch Asien, als man daheim China, Indien und Südkorea noch für Entwicklungsländer hielt. Das Wort „Globalisierung“ gab es nicht, die Tatsache schon. Ein Europa der Kleinstaaten hatte keine Zukunft, und die gemeinsame Währung konnte die Kleinstaaterei überwinden – dafür nahm er sogar in Kauf, dass das eigene Volk ihm nicht folgte.

Doch gescheitert ist er am Ende an sich selbst. Für den einen Teil konnte er nichts – nach 16 Jahren war auch die geduldigste Wählerschaft für einen Wechsel zu haben. Die Zeit des Mannes war abgelaufen, der beim Parteiabend die Ohren der CDU-Delegierten mit Alleinunterhalter Franz Lambert an der Wersi-Orgel traktierte und dem „Jäger aus Kurpfalz“.

Am anderen Teil war er selbst schuld. Die CDU hatte einen Kronprinzen, einen scharfen Kopf und glänzenden Redner. Doch Kohl traute Wolfgang Schäuble den Sieg nicht zu. Wie viel Abwägen dahinter steckte, wie viel Selbstüberhebung und wie viel bloße Gewohnheit des Machtkampfs – kaum zu sagen. Kohl erledigte den Konkurrenten mit einem letzten taktischen Geniestreich. Er ernannte Schäuble zum Wunschnachfolger und riss damit die Entscheidung über den Zeitpunkt an sich. Die CDU folgte ihm ein letztes Mal. Viele taten es ohne Glauben.

Mit der Parteispenden-Affäre brach seine Welt endgültig zusammen

Am 27. September 1998 endete die Ära Kohl. Dass seine Wahlniederlage im ersten rot-grünen Bündnis auf Bundesebene mündete, geschmiedet mit dem einstigen Turnschuhträger Fischer, hat ihn doppelt geärgert.

Aber erst ein Jahr später brach seine Welt endgültig zusammen. Die Aufdeckung der Parteispenden-Affäre kostete Kohl den Ehrenvorsitz und nahm jede Chance auf ein zweites Leben als Elder Statesman. Sie war eine letzte Reminiszenz an eine Zeit, in der ein CDU-Vorsitzender sich im höheren Recht wähnen konnte, wenn er Ehrenwort über Gesetz stellte und schwarze Kassen zur Abwehr einer angeblichen roten Gefahr anlegte. Mit „Bimbes“ gegen die „Sozzn“ – so bauernschlau simpel konnte der Ehrenbürger Europas denken. Er war eben, bis zuletzt, auch ein Kind des Kalten Krieges.

Und doch: Eine Jahrhundertfigur! Noch der halb gelähmte Riese, den ein schwerer Sturz an den Rollstuhl gefesselt hatte, noch die kaum mehr verständlichen Sätze, mühsam von Zetteln abgelesen, die ihm seine zweite Frau Maike Kohl-Richter hinschob – noch dieser Gezeichnete ließ den unbedingten Willen erkennen, dieses Land zu prägen.

Er hat es geprägt wie wenige andere. In seinen besten Zeiten galt er als Verkörperung der CDU und als Verkörperung Europas, in seinen schlechtesten wurde er ein Verfemter. Er blieb bodenständig und unbestechlich als Person; wenn er sich mal was gönnen wollte, war es ein Pfälzer Wein und eine Ladung Spaghetti Carbonara. Er konnte hart sein gegen sich selbst und hart gegen andere, aber auch schelmisch, ironisch, zugewandt. Er hat hohe Preise gezahlt für sein Leben und andere hohe Preise zahlen lassen. Seine zwei Söhne haben sich von ihm losgesagt, nachdem ihre Mutter Hannelore sich das Leben genommen hatte.

Die ihn zuletzt noch besuchen durften im Oggersheimer Bungalow mit dem Mauer-Stück im Garten, berichteten von einem, der manchmal müde wurde, aber rastlos blieb. Kalt gelassen hat er die Menschen nie. Helmut Kohl hat zum Urteil herausgefordert, für ihn oder gegen ihn, Freund oder Feind.

Er war ein großer Krieger, bis zuletzt.

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