• Zunahme von häuslicher Gewalt: „Viele Betroffene trauen sich aktuell nicht mal vor die Tür“

Zunahme von häuslicher Gewalt : „Viele Betroffene trauen sich aktuell nicht mal vor die Tür“

In China sind Fälle häuslicher Gewalt während der Quarantäne um ein Drittel gestiegen. Kommunen in ganz Deutschland versuchen nun, Hilfskapazitäten zu erhöhen. 

In China ist die häusliche Gewalt während der Ausgangssperre um ein Drittel angestiegen. 
In China ist die häusliche Gewalt während der Ausgangssperre um ein Drittel angestiegen. Foto: Davor Puklavec/imago images

Die Corona-Krise hat die Gesellschaft entschleunigt. Die Sozialkontakte werden eingeschränkt, der Gang vor die Tür wird nur noch im dringendsten Fall getätigt. Für die einen ist es eine willkommene Abwechslung vom ansonsten stressbelasteten Alltag. Für andere ist es die Hölle auf Erden.

In China hat sich die häusliche Gewalt aufgrund der Ausgangssperren verdreifacht, wie die Pekinger Frauenrechtsorganisation Weiping berichtete. Unter dem Hashtag #AntiDomesticViolenceDuringEpidemic versuchte sie, in den sozialen Netzwerken auf das Problem aufmerksam zu machen.

 

„Nachfrage wird erst nach der Krise steigen“

In Deutschland blieb der befürchtete Ansturm auf die Frauenhäuser zunächst aus. Simone Sonnenfeld vom Frauenschutzhaus Bautzen sagte dem Tagesspiegel, viele Betroffene hätten aktuell nicht die Möglichkeit, sich telefonische Hilfe zu holen – gerade wenn die gesamte Familie zuhause sei. „Ich fürchte, dass die Nachfrage erst nach der Coronakrise steigen wird. Aktuell trauen sich viele der Betroffenen nicht mal mehr vor die Tür.“ Ihre Einrichtung versuche nun verstärkt online als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. 

Hintergrund über das Coronavirus:

Auch in der deutschen Politik ist man auf das Thema aufmerksam geworden. „Die Fallzahlen häuslicher Gewalt, die sich in aller Regel gegen Frauen und Kinder richtet, werden voraussichtlich zunehmen“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in der „Rheinischen Post“ am Samstag. Sie forderte die Kommunen dazu auf, die Kapazitäten zu erhöhen, beispielsweise durch die Anmietung von Hotels und Ferienhäusern.

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Grüne: Geld muss auch für Soziales übrig bleiben

Josefine Paul (Grüne), Mitglied des Landtags in Nordrhein-Westfahlen, begrüßte diese Forderung. „Es ist gut, wenn Frau Giffey diesem Thema mediale Aufmerksamkeit zukommen lässt“, sagte sie dem Tagesspiegel. „Problematisch ist aber, dass es keine Bundesmittel für ihre Forderungen gibt. Es wäre grotesk, wenn wir ein milliardenschweres Rettungspaket zur Stabilisierung der Wirtschaft aufsetzen, aber für den Sozialsektor nichts übrig bleibt.“

Auch in Sachsen bemühen sich die Verantwortlichen um weitere Kapazitäten. Aufgrund der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus mussten einige Einrichtungen ihr Angebot herunterfahren. Wie der Pressesprecher des sächsischen Justizministeriums auf Anfrage bestätigte, werden bereits Angebote zur Anmietung von Ferienwohnungen sondiert. „Wir stehen in engem Kontakt mit den Frauenschutzhäusern hier in der Region.“ Aktuell seien 123 Personen aufgenommen worden, 45 Zimmer blieben weiterhin frei. Eine gesteigerte Nachfrage könne aber auch hier noch nicht festgestellt werden.
Wenn Sie selber von häuslicher Gewalt betroffen sind, können Sie sich über das Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beraten lassen: 08000 116 016 

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