Warum Mikis Theodorakis nicht in der DDR auftrat

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Mikis Theodorakis im Jahr 1970.
Mikis Theodorakis im Jahr 1970.Foto: imago/Leemage

Wieso sind Sie in der DDR nicht aufgetreten?

Damals, als diese Postkarten-Aktion stattfand, wurden auch einige Schallplatten von mir in der DDR veröffentlicht, und der berühmte Komponist Paul Dessau schrieb ein Oratorium, bei dem er den Wortlaut des Verbots meiner Musik durch die Junta vertonte. Dieses Verbot betraf nicht nur den Besitz, sondern auch das Hören meiner Musik. Kurze Zeit später spaltete sich die Kommunistische Partei Griechenlands. Die zwei größten Gruppen waren die "orthodoxe KP" und die "reformistische KP", die sehr nah dem damals so genannten Eurokommunismus stand und die die Unabhängigkeit der Kommunistischen Partei von der Sowjetunion postulierte. Als ich nach drei Jahren freikam und ins Ausland ausreisen durfte und jeder meiner Versuche, die Kommunistische Partei wieder zu vereinigen, scheiterte, wurde ich Mitglied der eurokommunistischen "Inlands-KP", mit der ich viel mehr Gemeinsamkeiten hatte. Sofort änderte die Regierung der DDR ihre Haltung mir gegenüber. Ich wurde zur persona non grata erklärt, meine Musik durfte nicht mehr im Rundfunk gespielt werden, und später erfuhr ich, dass alle Lagerbestände meiner Schallplatten vernichtet wurden. Mein Name wurde quasi ausradiert. So war der Grund dafür, dass ich zehn Jahre lang nach meiner Freilassung in der DDR keine Konzerte gab, nicht meine Entscheidung, sondern ich war in der DDR unerwünscht.

Aber die Menschen in der DDR haben Ihre Lieder trotzdem gehört?

Ab 1978 verbesserten sich meine Beziehungen zur Kommunistischen Partei, die mich sogar zum Bürgermeisterkandidaten von Athen machte und 1981 auch zum Parlamentsabgeordneten, beides als Parteiloser. Trotzdem öffneten sich dadurch für mich automatisch wieder die Türen zur DDR. In den folgenden Jahren wurden dort meine großen sinfonischen Werke aufgezeichnet und als Schallplatte veröffentlicht. Der "Canto General", die 3. und die 7. Sinfonie, das Oratorium "Sadduzäer Passion", "Axion Esti" auf deutsch und die Liturgie Nr. 2.

Ihre Liturgie Nr. 2 wurde in der Martin-Luther-Kirche in Dresden und im Brandenburger Dom aufgeführt...

Meine musikalische Heimat ist Deutschland. Ich habe Harmonie, Kontrapunkt und Fuge, also Musikkomposition, am Konservatorium Athen studiert, das zu hundert Prozent in der deutschen Tradition stand. Meine Vorbilder waren Bach, Beethoven und Schubert, mit denen ich mich eingehend beschäftigte. Ich denke, es ist daher ganz natürlich, dass meine Musik - trotz ihres Griechischseins - Elemente in sich hat, die aus der deutschen Musiktradition kommen. Das gilt selbst für meine Lieder. Und ich gehe davon aus, dass vielen Menschen in Deutschland meine Musik deshalb so nah ist. Es wird wohl kein Zufall sein, dass meine Musikverleger Schott und Breitkopf & Härtel beides deutsche Verlage sind.
In diesem Jahr konnte das Publikum in Dresden und Brandenburg abermals erfahren, dass der Geist der großen deutschen Sinfoniker dem Wesen meiner Musik innewohnt. So erklärt sich für mich jedenfalls der grandiose Erfolg der Aufführungen in diesen beiden Städten. Die "Liturgie Nr. 2" ist im Rahmen meines Gesamtschaffens sicher ein wichtiges Werk, aber trotzdem ist ihre Bedeutung nicht zu vergleichen mit der Bedeutung, die meine Sinfonien haben.

Die Fragen stellte Elisa Simantke. Die Antworten wurden übersetzt von Asteris und Ina Kutulas.

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