Zusammenarbeit mit dem Westen : Dann macht China es eben ohne uns

Anstatt sich ein realistisches Chinabild zu machen, pflegt Deutschland eine schematische Konfrontation - und vergibt damit eine riesige Chance. Ein Essay.

Ole Döring
Der Finanzdistrikt von Shanghai während des Sonnenaufgangs.
Der Finanzdistrikt von Shanghai während des Sonnenaufgangs.Foto: AFP/ Johannes Eisele

Es lag für Deutschland noch nie so nahe wie heute, die Annäherung an China zu suchen. Zum einen verlangt die relative Schwäche der USA, dass Europa sich um Allianzen mit China bemüht. Zum anderen halten wir China selbst auf Distanz. Wir tun viel zu wenig, um die Beziehungen zu entwickeln - aus guten und aus schlechten Gründen: aus der Einsicht, dass nur unsere eigene Stärke die Basis für Beziehungen auf Augenhöhe ist. Aber auch aus einer ideologisch und emotional verhärteten Haltung, aus Erwartungen, die unseren eigenen Interessen zuwiderlaufen. Eine gesunde Distanz beruht auf rationaler Überlegung und dem Willen, selbst zu steuern.

Dabei stehen wir uns allerdings selbst auf den Füßen, aus Angst vor einem Zerrbild: Wir verstehen China falsch, wenn wir es nach europäischen Erfahrungsbegriffen als „kommunistisch“, „totalitär“ oder „harmonisch“ bezeichnen. Das ist keine Verharmlosung der ethischen Probleme, die es in China zuhauf gibt. Es ist ein Appell, richtig hinzusehen und sich ein begründetes, realistisches und faires Bild von China zu machen. Unverstellt durch moralisches Sendungsbewusstsein.

China stößt auf massiven Widerwillen

Die Zeiten, da China sich massiv darum bemühte „vom Westen zu lernen“, gehen vorbei. China hatte, auch vor dem Hintergrund eigener Demütigungen, durch deutsch-kaiserliche „Hunnen“-Hatz, zerfleischende Bürgerkriege und japanische Terrorbesatzung sowie Maos „Großen Sprung“ zur Kulturrevolution, jeden imperialen Hochmut eingebüßt. Nach dem Ende Maos galt es, entschlossen die Stärke und Erfahrung des „Westens“ für sich zu nutzen, um das Rezept zum Überleben in der globalisierten Moderne zu lernen. Nun schließt sich dieses Fenster: Deutschland gilt, nicht zuletzt durch das überaus stabile Image von Kanzlerin Merkel, als Spitze einer Qualitäts-, Leistungs- und Ordnungskultur westlicher Prägung; es greift jedoch der Eindruck um sich, selbst hier breche die wirtschaftliche und politische Substanz weg, soziale Spannungen werden zur Kenntnis genommen. Umso störender und unverständlicher erscheint der massive Widerwille, auf den China hierzulande stößt, wenn Vertrauen aufgebaut werden soll.

Der westliche Stempel verblasst zusehends

Das ist schade. Die Gründe unserer Stärke, die in einem komplexen und tief in der Gesellschaft verwurzelten Geflecht von Kompetenzen gründen, Wert und Werte aus Vielfalt zu schöpfen, sind uns nicht so bewusst, dass wir sie souverän vertreten und vermitteln würden. Wir brauchen heute aber gerade einen Entwicklungssprung eben dieser Kompetenz, Vielfalt nutzbar zu machen: darin liegt das Win-Win-Szenario

Unsere überkommene mitteleuropäische Gemengelage hat großartige Sozialtechniken hervorgebracht. So das Prinzip der Subsidiarität in der ordnungspolitischen Ökonomie, die Nachhaltigkeit in der wirtschaftspolitischen Ökonomie, die Solidarität in der sozialen Ökonomie: Diese Einsichten haben uns im Vorfeld der Industrialisierung und Globalisierung im 18. Jahrhundert so stark gemacht, dass wir schließlich, unter anderem, Chinas Zusammenbruch mit befördern und nutzen konnten, um der neuen Welt unsere Wissenschaft, unsere Medizin, unsere Diplomatie, unsere Kriege und unsere Kolonisten zu bringen.

Dieser Stempel europäisch-amerikanischer Hegemonie verblasst zusehends. Ob die neue Gestalt unseres Globus‘ von den Narben bestimmt sein wird, ob offene Wunden des Kolonialismus und der Kriegstreiberei weiter schmerzen oder ob Heilung gelingt, hängt unter anderem davon ab, ob Europa sich aus seiner satten Schläfrigkeit erhebt: nüchtern Prioritäten und Handlungsmöglichkeiten klärt. 

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