Zwischen Cyberangriffen und Pandemien : Kooperiert - auch mit dem Gegner!

Gegen die bedrohliche Machtverlagerung ins Technologische hilft nur internationale staatliche Vernetzung. Plädoyer für ein Positivsummenspiel.

Joseph S. Nye jr.
Waren's die Chinesen? Oder doch russische Hacker? IT-Spezialisten in Singapur suchen nach den Verantwortlichen für den Cyberangriff auf das Office of Personnel Management der US-Regierung im Jahr 2015, die unter Codenamen wie PinkPanther oder KungFu Kittens gehandelt werden.
Waren's die Chinesen? Oder doch russische Hacker? IT-Spezialisten in Singapur suchen nach den Verantwortlichen für den...Foto: Edgar Su / REUTERS

Joseph S. Nye Jr. ist Professor an der Harvard University. Bei der Oxford University Press erschien rvard und Verfasser zahlreicher Bücher, darunter im März zuletzt „Do Morals Matter? Presidents and Foreign Policy from FDR to Trump“. Copyright: Project Syndicate, www.project-syndicate.org. Aus dem Englischen von Jan Doolan

Seit 2017 hat sich Amerikas nationale Sicherheitsstrategie auf den Wettbewerb zwischen den Großmächten konzentriert, und viele in Washington stellen heute unsere Beziehung zu China als neuen Kalten Krieg dar. Nun ist die Konkurrenz zwischen den Großmächten ein wichtiger Aspekt der Außenpolitik. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass sie die zunehmenden transnationalen Sicherheitsbedrohungen verdeckt, vor die uns die technologische Entwicklung stellt.

Machtverschiebungen zwischen Staaten sind in der Weltpolitik gang und gäbe, doch die technologiebedingte Machtverlagerung hin zu globalen Kräften birgt eine neue Komplexität. Dieser Wandel setzt die Finanzstabilität, den Klimawandel, Terrorismus, Cyber-Verbrechen und Pandemien neu auf die Tagesordnung und verringert zugleich die Fähigkeit der Regierungen, darauf zu reagieren.

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Der Bereich der transnationalen Beziehungen, die außerhalb der Kontrolle von Regierungen stehen, umfasst Banker und Kriminelle, die elektronisch Geld überweisen, Terroristen, die Waffen und Pläne weiterleiten, Hacker, die soziale Medien nutzen, und Umweltbedrohungen wie den Klimawandel und Pandemien. COVID-19 hat bereits mehr Amerikaner das Leben gekostet als die Kriegen in Korea, Vietnam und im Irak. Doch wir haben kaum Geld ausgegeben, um uns darauf vorzubereiten. Und COVID-19 wird weder die letzte noch die schlimmste Pandemie sein.

Regierungen haben weniger Kontrolle

Individuen und private Organisationen, von WikiLeaks, Facebook und vielen Stiftungen bis hin zu Terroristen und spontanen gesellschaftlichen Bewegungen, verfügen alle über die Fähigkeit, eine direkte Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Die Verbreitung von Informationen bewirkt, dass die Macht breiter gestreut ist und informelle Netzwerke das Monopol der traditionellen Bürokratie untergraben. Und die Geschwindigkeit der Online-Übertragung von Informationen sorgt dafür, dass die Regierungen weniger Kontrolle über ihre Agenden haben.

Isolation ist keine Option. Amerikas zwei Ozeane sind heute keine effektive Sicherheitsgarantie mehr. Als die USA in den 1990er Jahren Serbien und den Irak bombardierten, waren Slobodan Miloševic und Saddam Hussein nicht zu Gegenschlägen gegen US-Gebiet in der Lage. Das änderte sich schnell.

Im Jahr 1998 setzte Präsident Bill Clinton Marschflugkörper gegen Al-Qaida-Ziele im Sudan und in Afghanistan ein; drei Jahre später tötete die Al-Qaida in den USA 3000 Menschen (mehr als beim Angriff auf Pearl Harbor ums Leben kamen), indem sie amerikanische Zivilflugzeuge als gigantische Marschflugkörper einsetzte.

Auch Doch muss die Bedrohung nicht physischer Art sein. Amerikas Stromnetze, Flugsicherungssysteme und Banken sind anfällig für Elektronen, die ihren Ursprung überall inner- oder außerhalb der US-Grenzen haben können. Ozeane sind da keine Hilfe. Ein Cyberangriff kann aus 10 km oder 10000 km Entfernung erfolgen. Neben der Infrastruktur sind auch demokratische Freiheiten gefährdet. Nordkorea leitete 2014 aus Ablehnung einer Hollywood-Komödie, die Staatoberhaupt Kim verspottete, einen erfolgreichen Cyberangriff ein.

Technologigiganten als Instrumente der US-Macht?

Viele Beobachter gehen davon aus, dass Technologiegiganten wie Google oder Twitter, weil sie ihren Ursprung in den USA haben, Instrumente amerikanischer Macht sind. Doch während der US-Präsidentschaftswahl 2016 war Russland imstande, diese Unternehmen als Waffen zu nutzen, um das Wahlergebnis zu beeinflussen. Andere können diesem Modell folgen.

Der durch Informationsrevolution und Globalisierung bedingte Wandel bewirkt, dass, selbst wenn sich die USA im Wettstreit der Großmächte durchsetzen, sie viele ihrer Ziele nicht im Alleingang umsetzen können. Unabhängig von Rückschlägen bei der Globalisierung werden beispielsweise die Auswirkungen des Klimawandels – Extremwetterereignisse, Ernteausfälle und der Anstieg des Meeresspiegels – unser aller Lebensqualität beeinflussen, und die USA können das Problem allein nicht bewältigen.

In einer Welt, in der die Grenzen für illegale Drogen, Infektionskrankheiten oder auch Terrorismus poröser werden, müssen Länder ihre Soft Power zur Errichtung von Netzwerken, Systemen und Institutionen nutzen, um diesen Bedrohungen zu begegnen.

Die Argumente dafür, dass die führende Weltmacht bei der Organisation der Produktion globaler öffentlicher Güter eine Führungsrolle übernimmt, sind in dieser „neofeudalen“ Welt stärker denn je. Doch die nationale Sicherheitsstrategie der USA von 2017 erwähnt diese Bedrohungen kaum, und Maßnahmen wie der Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen und aus der Weltgesundheitsorganisation sind falsche Schritte.

Unbeabsichtigt freigesetzte Pathogene

Der Technologieexperte Richard Danzig resümiert das Problem so: „Die Technologien des 21. Jahrhunderts sind nicht nur bezüglich ihrer Verteilung global, sondern auch, was ihre Folgen angeht. Von anderen unbeabsichtigt freigesetzte Pathogene, KI-Systeme, Computerviren und radioaktive Strahlung könnten genauso unser Problem werden wie ihres.

Wir müssen als Mittel zur Minderung unserer zahlreichen gemeinschaftlichen Risiken vereinbarte Meldesysteme, kollektive Steuerungsmechanismen und gemeinsame Notfallpläne, Normen und Verträge verfolgen.“ Zölle und Mauern lösen diese Probleme nicht.

In einigen Bereichen militärischer und wirtschaftlicher öffentlicher Güter kann eine unilaterale US-Führung einen Teil der Antwort bieten. So ist die US-Marine zur Verteidigung der Freiheit der Schifffahrt im Südchinesischen Meer unverzichtbar, und in der aktuellen weltweiten Rezession hat die US Federal Reserve die entscheidende Rolle als Kreditgeber letzter Instanz inne.

Macht als Macht zum Erreichen gemeinsamer Ziele

Doch bei anderen Problemen ist der Erfolg an die Kooperation anderer gebunden. Wie ich in meinem Buch „Do Morals Matter?“ argumentiere, sind einige Aspekte der Macht in dieser Welt ein Positivsummenspiel. Es reicht nicht, sich die US-Macht als Macht über andere zu denken. Wir müssen uns Macht auch als Macht zum Erreichen gemeinsamer Ziele denken; dies umfasst ihre Ausübung zusammen mit anderen.

Jene Art des Denkens fehlt in der derzeitigen strategischen Debatte. In vielen transnationalen Fragen kann die Stärkung anderer den USA helfen, eigene Ziele zu erreichen. So profitieren die USA, wenn China seine Energieeffizienz steigert und weniger Kohlendioxid freisetzt.

In dieser neuen Welt werden Netzwerke und Verflechtungen zu einer wichtigen Quelle von Macht und Sicherheit. In einer Welt zunehmender Komplexität sind die am stärksten vernetzten Staaten die mächtigsten. In der Vergangenheit hat Amerikas Weltoffenheit seine Fähigkeit zum Aufbau von Netzwerken, zur Aufrechterhaltung von Institutionen und zur Bewahrung von Bündnissen verbessert. Die Frage ist nun, ob sich diese Bereitschaft zum Dialog mit der Welt in der US-Innenpolitik als zukunftsfähig erweist.

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