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Brandenburg: Alle wollen die Mark erobern – außer der FDP

In Brandenburg wird am 14. September gewählt. Noch ist Urlaubszeit. Um das Wahlvolk trotzdem zu erreichen, lassen sich die Parteien einiges einfallen. Ein Überblick

Stand:

FDP

Gregor Beyer, der Spitzenkandidat der Liberalen, geht nicht ans Telefon. Stattdessen springt die Mailbox an, mit folgendem Spruch: „Keine Sau braucht die FDP!“, erklärt Beyer mit sonorer Stimme. „Leider kann ich Ihren Anruf daher nicht entgegennehmen.“ Dann folgt ein Hinweis für Journalisten: „Gerne lade ich Sie zu diesem Thema für Donnerstag zu einer Pressekonferenz ein.“ Dort wollen die Liberalen das Geheimnis um ihre aktuelle Kampagne lüften, die man auch als Kapitulation verstehen kann: „Keine Sau braucht die FDP!“ So steht es nämlich in großen Lettern landesweit auf den blau-gelben Großplakaten. Mit denen bekommt Beyers Truppe das, was ihr sonst selten zuteilwurde, nämlich Aufmerksamkeit. Tja, und der Text entspricht sogar den Umfragen. In der jüngsten waren die Liberalen, die erst 2009 nach eineinhalb Jahrzehnten Abwesenheit den Sprung in Brandenburgs Landtag geschafft hatten, „statistisch nicht nachweisbar“. Nun setzen sie auf den Mut der Verzweiflung, um den drohenden Untergang doch noch irgendwie abzuwenden.

SPD

Wittbrietzen, ein 500-Seelen-Ort, dreißig Kilometer südlich von Potsdam, Montagabend. Kinder toben auf Strohballen, die als natürliche Hüpfeburg am Dorfplatz aufgebaut sind. Alte Trecker stehen herum. Die Sozialdemokraten haben zum „Strohballenfest“ mit ihrem Spitzenkandidaten geladen, also mit Dietmar Woidke, dem Ministerpräsidenten. Es gibt Grillwurst, Bier, eine Band von Mittfünfzigern spielt auf. Und tatsächlich ist fast das ganze Dorf erschienen, gut vierhundert Leute sind da. Die Bänke vor der mobilen Bühne auf einem LKW, sind restlos gefüllt. Klara Geywitz, die SPD-Generalsekretärin, ist hochzufrieden. „Das Format funktioniert. Es kommen Leute, die wir sonst nicht erreichen würden.“ Es ist ein sehr, sehr brandenburgischer Wahlkampf, den Woidke da macht, ganz auf die Provinz, auf die ländlichen Regionen zugeschnitten. Und als früherer Agrarminister weiß er, was hier ankommt und was nicht. Also dauert seine Rede keine zehn Minuten. Er erinnert daran, wie hoch die Arbeitslosigkeit vor zehn Jahren in Potsdam-Mittelmark war: „Zwölf Prozent, jetzt sind es sechs.“ Er warnt davor, sich auszuruhen, verspricht mehr Lehrer, mehr Kita-Erzieherinnen, ehe zum Schluss kurz Werbung in eigener Sache folgt: „Bitte sorgen Sie am 14. September dafür, dass Brandenburg in guten Händen bleibt.“ Das war’s, und das kommt an. Dann zieht er von Tisch zu Tisch, kommt sofort ins Gespräch, hat Anekdoten parat. Zwischendurch drängen sich BER-Gegner zu ihm durch, um gegen eine drohende dritte Startbahn in Schönefeld zu protestieren. Und großzügig lassen die Genossen auch drei ältere Herren mit ihrer FDP-Fahne stehen, die auf der SPD-Wahlveranstaltung gegen einen geplanten Windpark protestieren. Zwanzig Strohballen-Veranstaltungen absolviert Woidke in dieser auf die Ferienzeit zugeschnittenen Auftaktphase, ehe ab Ende August klassische Veranstaltungen folgen. Den verkappten Wahlkampf, den er tagsüber macht, nicht eingerechnet. Als Regierungschef informiert sich Woidke täglich auf einer „Sommerreise“ durchs Land in Firmen und Einrichtungen. So ist Woidke zurzeit, und das mit Abstand, der präsenteste Politiker im Land. Es geht ja auch um alles für die SPD, die im „roten“ Brandenburg zuletzt Bundestagswahl und Kommunalwahl verlor. Allein 1,7 Millionen Euro geben die Genossen für den Landtagswahlkampf aus, mehr als CDU und Linke zusammen.

CDU

Michael Schierack, der Spitzenkandidat der CDU, lässt es eher ruhig angehen: Auch er tourt gerade durchs Land, am Mittwoch etwa durch die Uckermark, drei Stationen hat das Programm seines „Brandenburg-Checks“ an dem Tag: Eine Metallfirma, das Ökodorf Brodowin, und er trifft Vertreter der „Sicherheitsinitiative Uckermark“, die sich 2012 wegen der dramatischen Grenzkriminalität gegründet hatte. Es ist aber kein Vergleich zum Pensum, das Jörg Schönbohm einst auf sich nahm, als er 1999 die SPD-Alleinherrschaft brach und die CDU in die Regierung führte. Auf die Marktplätze will Schierack erst ab Ende August ziehen, lediglich acht Veranstaltungen sind bei dieser Tour geplant. Zusätzlich gibt es drei Kundgebungen mit Kanzlerin Angela Merkel. Das 750 000-Euro-Budget, so heißt es, lasse nicht mehr zu. Und so reicht es auch bei der gut gemachten Hochglanzbroschüre über Schierack, mit Fotos aus seiner Kindheit, mit Leuten aus seinem Lausitzer Dorf, nur für eine Minimal-Auflage von 15 000 Exemplaren. Bückware, gewissermaßen, in einem Land mit gut 2,1 Millionen Wahlberechtigten. Tausend Großplakate sind geplant. Die erste Welle spricht Reizthemen an: „Warum wird nur jeder fünfte Einbruch aufgeklärt?“ Oder vor dem Hintergrund einer Buckelpiste: „Warum komme ich nicht vernünftig zur Arbeit?“ So will Schierack auch nicht von einem gebremsten Wahlkampf sprechen. Wie vorsichtig die Union operiert, zeigt indes das Plakat zur Bildungspolitik: „Warum fällt an meiner Schule so viel Unterricht aus?“, fragt ein Mädchen. Als Opposition im Landtag hat die Union seit 2009 angeprangert, dass in Brandenburg jedes Jahr eine Million Unterrichtsstunden nicht regulär erteilt werden. Nun steht auf dem Plakat stattdessen: 240 000 Stunden fallen unter Rot-Rot aus. Das ist die offizielle, von der CDU bisher als Schönfärberei gegeißelte Zahl des Bildungsministeriums, ohne Vertretungen oder Selbstbeschäftigungen von Schülern.

Linke

Christian Görke, der Linke-Spitzenkandidat und Finanzminister, hat den schönsten Termin. Er kämpft nach Auftritten und Verstaltungen im Land am Wochenende an der Ostsee um Stimmen, auf Strandpromenaden zwischen Heringsdorf und Zingst, „weil da auch viele Brandenburger Urlaub machen“. Das Großplakat, mit dem die Linken starten, lädt zum Sinnieren ein. Ein idyllischer See, ein Steg, und dieser Text: „Das ist nicht Berlin. Das ist Brandenburg.“ Görke macht keinen Hehl daraus, dass man dabei auch mit Animositäten und Gegensätzen zur Hauptstadt spielt. Es sei ein hochpolitisches Plakat, sagt er. „Wie anders Berlin ist, haben wir gerade erst am BER beim Umgang mit dem Nachtflugverbot gesehen.“ Für die Linken geht es darum, erstmals nach einer Regierungsbeteiligung – anders als in Berlin – nicht in der Wählergunst zu verlieren und Rot-Rot fortsetzen zu können. Deshalb wird auch Bundesprominez wie Gregor Gysi sowie die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger beim Wahlkampf der Brandenburger dabei sein.

Grüne, AfD, Piraten

Aber noch sind Ferien, haben die Leute mit der Landtagswahl wenig im Sinn. So halten sich die anderen, kleineren Parteien noch zurück. „Gutes Morgen, Brandenburg“, steht es auf dem Großplakat der Grünen, das eine intakte märkische Landschaft zeigt, mit einigen Windrädern, einem Dorf, weidenden Kühen. Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher ist im Lande unterwegs, paddelte am Wochenende in der Prignitz. Die eigentliche Kampagne soll ab Ende August folgen, etwa mit Aktionen gegen die Braunkohle und die Massentierhaltung. Die konservative Alternative für Deutschland, die mit dem Publizisten Alexander Gauland in Brandenburg antritt und nach letzten Umfragen den Sprung ins Parlament schaffen könnte, bleibt bislang ganz in Deckung. Und die Piraten, die im Vergleich zu Berlin in Brandenburg eher schwach verankert sind, machen ihren Wahlkampf bisher ganz virtuell: im Internet.

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