Brandenburg: Im Paradies der Dealer
Am Tag nach der Bluttat am Görlitzer Park ist dort wieder Alltag eingekehrt
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Berlin - Kein Dealer dreht sich vorsichtshalber um, als Sirenen durch die Wiener Straße gellen. Die Dealer im Görlitzer Park erkennen am Klang, dass die Feuerwehr kommt und nicht die Polizei. Bislang hieß es oft, dass etwa 100 Schwarzafrikaner in dem Kreuzberger Park Drogen verkaufen. Nein, es sind mehr, geschätzt 200, die dort warten – und das an einem nieseligen Sonntagmittag. Sie fallen vor allem auf, weil außer ein paar Joggern und Hundehaltern kaum jemand unterwegs ist.
In einer Viertelstunde sind nur zwei Kunden zu beobachten: Ein junger Türke, etwa 25, kommt schnellen Schrittes in den Park, Geld wechselt gegen Ware, händeklatschend und pfeifend macht der Käufer kehrt. Er war keine Minute im Park. Der zweite Kunde benötigt länger. Dreht sich erstmal einen Joint, um die Lage zu beobachten. Dann kauft auch er. Die wenigen echten Spaziergänger versuchen die Dealer zu ignorieren. Doch sie haben längst auch die Straße erobert. Zwei Dutzend Schwarze stehen am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof, die meisten auf der Treppe zu den Bahnsteigen. 50 Meter von hier sind in der Nacht zum Samstag zwei Jugendliche aus Guinea mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt worden.
Als Tatverdächtige wurden der Wirt und sein Angestellter der Bar festgenommen, vor der die Bluttat geschah. Die beiden türkischstämmigen Männer wurden am Sonntag wegen versuchten Totschlags dem Haftrichter vorgeführt. Es wird vermutet, dass sich der Barbetreiber über die Dealer geärgert hat. Wie berichtet, hatten Anwohner angekündigt, „die Sache selbst in die Hand zu nehmen“.
Schon bei der Versorgung der Schwerverletzten musste die Polizei eine „aufgebrachte und aggressive 15-köpfige Personengruppe“ bändigen, wie es im Bericht des Präsidiums hieß – Freunde der Niedergestochenen. Am Morgen drangen etwa zehn Personen in die Bar ein und randalierten. Am Mittag drangen erneut Personen in die Bar ein und legten Feuer. Die Polizei nahm neun Männer fest, aus Guinea und anderen westafrikanischen Staaten. Sie sind wieder auf freiem Fuß. Wie nahezu alle Kriminellen, die 2014 im und am Park festgenommen wurden. 107 Festnahmen verbuchte allein die Soko, die von Mai bis Oktober im Einsatz war. Ganze neun der Festgenommenen kamen in U-Haft. Die anderen standen am nächsten Tag wieder an alter Stelle. Polizeipräsident Klaus Kandt hatte diese Zahlen genannt, verbunden mit dem Eingeständnis, dass die Polizei beim Versuch, den Drogenhandel zu unterbinden, gescheitert sei.
Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte dieser Zeitung: „Die Situation dort bleibt brisant. Die Polizei wird den Görlitzer Park nicht den Dealern überlassen.“ Er betonte, dass in diesem Jahr der Druck deutlich erhöht worden sei. Fast die Hälfte der 831 Strafverfahren gab es wegen Drogenbesitzes. Die Zahl der „Einsatzkräftestunden“ geht in die Tausende. Erforderlich seien bauliche Veränderungen. Die soll es geben, kündigte die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann am Sonntag an. Herrmann sagte, dass Polizei an den Eingängen sinnvoll wäre. Doch die habe mit Verweis auf Personalmangel abgelehnt. J. Hasselmann
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