Brandenburg: Über Kreuz mit der Kunst
Die gestohlenen Kreuze zum Gedenken an die Maueropfer wurden inzwischen zurückgebracht
Stand:
Berlin - Die Holzkreuze zum Gedenken an die Maueropfer sind zurück – aber der politische Streit beginnt jetzt erst richtig. Am Montag wurde die Protestaktion des „Zentrums für politische Schönheit“ im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses kontrovers diskutiert. Und in der CDU mehren sich Stimmen, die der Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, schwere Vorwürfe machen. Langhoff hatte die Aktion unterstützt, mit der rund um den 25. Jahrestag des Mauerfalls an das Leid heutiger Flüchtlinge erinnert werden sollte.
Langhoff trage die „volle Verantwortung für die von ihr betriebene Zusammenarbeit mit den Aktivisten“, so der Bundespolitiker Philipp Lengsfeld (CDU). Er droht mit Folgen für das Theater, dessen Festival „Voicing Resistance“ mit 100 000 Euro von Land und Bund gefördert wurde: „Die Kulturpolitiker werden klären müssen, ob Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds für die Aktion verwendet wurde.“ Diese Frage allerdings ist sogar schon beantwortet: Das „Zentrum für politische Schönheit“ bekam 10 000 Euro – zehn Prozent des staatlichen Festival-Zuschusses.
Nach Angaben des Sprechers der Senatskulturverwaltung, Günter Kolodziej, hat die Leitung des Gorki-Theaters versichert, von den Details der Aktion vorher nichts gewusst zu haben. Im Förderantrag der Gruppe sei nur die Rede von einer Aktion gewesen, die „den Mauerfall hinterfragen und auf neue Mauern Europas aufmerksam machen“ wolle. Die Gruppe um den Schauspieler Philipp Ruch hatte kurz vor den Jubiläumsfeiern die sieben doppelseitig beschriebenen Holzkreuze entfernt, die neben dem Reichstag an Todesopfer der Berliner Mauer erinnern. Außerdem reiste die Gruppe per Bus an die EU-Außengrenzen mit der Absicht, Teile der Grenzanlagen zu zerstören. Zuvor waren Nachbildungen der Holzkreuze an die EU-Grenzen gebracht worden. Diese waren in der Werkstatt des Maxim-Gorki-Theaters hergestellt worden, wie das Theater bestätigte. Genehmigt hat den Zuschuss neben Berlin auch der Bund, vertreten durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Sie wollte dazu keine Stellung nehmen.
Seit Montag hängen die Kreuze wieder an ihrem bisherigen Ort. Die Polizei beobachtete am Sonntagabend gegen 22.30 Uhr drei Männer und eine Frau, die die Kreuze wieder anschrauben wollten. Ihre Personalien wurden aufgenommen, Ruch war dem Vernehmen nach nicht dabei. Polizeipräsident Klaus Kandt sagte am Montag im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses, bereits am 4. November habe ein Anwalt im Namen der Gruppe der Polizei mitgeteilt, dass die Kreuze am 10. November zurückgegeben werden sollten. Dennoch ermitteln Polizei und Justiz weiter. Angehörige von Maueropfern hatten mehrere Anzeigen erstattet. „Man kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagt Jens Wieseke, der im Namen seiner Patentante eine Anzeige gestellt hatte. Eines der Kreuze erinnert an deren Bruder, der 1961 bei einem Fluchtversuch ertrank.
Die Opposition kritisiert die Aktion ebenso wie die Reaktion von Innensenator Frank Henkel. Der hatte die Tat als verabscheuungswürdig gegeißelt und festgestellt: „Besonders bitter ist, dass diese Komplizenschaft offenbar mit Steuergeldern gefördert worden ist.“ Der Grünen-Landeschef Daniel Wesener schreibt auf Tagesspiegel Online, das könne man „als Drohung verstehen“, was ihn „ein bisschen an die DDR“ erinnere. Wolfgang Brauer (Linke) sagt: „Ich empfehle verbale Abrüstung auf beiden Seiten.“
M. Collet, J. Hasselmann, L. von Törne
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: