Von Erhart Hohenstein: Als Kapitän Velten starb
Potsdamer Yacht- und Schifffahrtsverein „Royal Louise“ erwarb historisches Kondolenzbuch
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Mit dem Kondolenzbuch für den Königlichen Yachtkapitän Carl Velten ist dem Potsdamer Yacht- und Schifffahrtsverein „Royal Louise“ ein spektakulärer Ankauf gelungen. Der heutige Kapitän des Nachbaus der historischen Fregatte, Lothar Voß, entdeckte das Buch im Internet, wo es von einem Goslarer Kunsthändler angeboten wurde. Es konnte mit Hilfe der Landesinvestitionsbank als Sponsor für 1800 Euro erworben werden.
Gestern stellten der Vereinsvorsitzende, Claus Reichardt, und Lothar Voß den Ankauf in der Matrosenstation „Kongsnæs“ vor. Deren Leitung und damit das Kommando über die Yachten „Alexandria“ und „Royal Louise“ hatte der aus dem Rheinland stammende Carl Velten im Jahr 1874 übernommen. Mit seiner Frau Clara, der Tochter seines Vorgängers Zwanzinger, wurde er zu einem Vertrauten der kaiserlichen Familie. In der Matrosenstation fanden die Prinzen einen Freiraum, den das strenge Hofzeremoniell ihnen sonst verwehrte. So erhielten sie hier Ruderunterricht.
Carl Velten blieb nach dem Ende der Monarchie im Kapitänshaus der Matrosenstation, Schwanenallee 7, wohnen. Den Kaiserlichen Yachtclub, der das Gelände übernahm, unterstützte er mit seinen Kenntnissen. Der alte Seebär mit dem Rauschebart, der den Spaziergängern am Jungfernsee freundlich zuwinkte, wurde in Potsdam zu einer Kultfigur. Dies zeigte sich, als er 76-jährig am 26. Oktober 1925 starb und auf dem Neuen Friedhof beigesetzt wurde, in einer Fülle von Beileidsbezeugungen. Sie lesen sich wie ein „Who`s who?“ der höheren Gesellschaft. Aus Huis Doorn traf ein Telegramm des abgedankten Kaisers Wilhelm II. ein, aus Schloss Oels vom Kronprinzenpaar Wilhelm und Cecilie. Für die Kaisersöhne nahm der in der Villa Quandt residierende Prinz Oskar an der Beisetzung teil. Im Kondolenzbuch finden sich darüber hinaus beispielsweise die Namen der Gräfin Keller und Fräulein von Gersdorffs, einst Hofdamen der verstorbenen Kaiserin, des jüdischen Bankiers Paul Willich aus der Villa Schöningen und des Torpedobootkommandanten Paul Mewis. Mewis avancierte 1933 zum ersten Kommandanten des Segelschulschiffs „Gorch Fock“, Willich entzog sich 1938 durch Freitod den Verfolgungen der Nationalsozialisten.
Schon diese wenigen bisher durch Lothar Voß hinterfragten Eintragungen machten den hohen Wert des von dem Aachener Oberregierungs- und -schulrat Heinz Steffens, einem Neffen Veltens, angelegten Kondolenzbuches als Quelle der Stadtgeschichte deutlich, erklärte Reichardt. Der Verein werde dazu, vornehmlich durch Kapitän Voß, weitere Nachforschungen anstellen. Bedeutung habe Velten ebenso für die Historie der preußischen Marine zu. Er hatte ab 1863 mit der Fregatte „Vineta“ und auf dem Kanonenboot „Meteor“ an kriegerischen Operationen, so dem Gefecht vor Havanna 1870, teilgenommen und darüber ein Tagebuch hinterlassen, das als wichtige Quelle für die Seekriegsgeschichtsschreibung gilt.
Wie Reichardt erklärte, soll das Kondolenzbuch einen Ehrenplatz in der vom Verein geplanten musealen Darstellung zur Geschichte der Matrosenstation „Kongsnæs“ und ihrer Rolle im deutschen Segelsport einnehmen. Allerdings hängt die Verwirklichung dieses Vorhabens wesentlich von der künftigen Nutzung des zum Verkauf ausgeschriebenen städtischen Geländes ab. Über den Zuschlag der 1841 errichteten und in der Kaiserzeit erweiterten Station an einen der Kaufinteressenten wollen Anfang des neuen Jahres die Stadtverordneten entscheiden.
Erhart Hohenstein
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