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Mit Biss. Am Obststand durften Steinmeier und Andrea Wicklein probieren.

© A. Klaer

ORTSTERMIN: Aprikosen und Hirschsalami

„Du musst zum Nauener Tor. Ich warte da am Café Heider“, spricht Andrea Wicklein – rotes, kurzes Sacko, dunkle Jeans – in ihr Handy.

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„Du musst zum Nauener Tor. Ich warte da am Café Heider“, spricht Andrea Wicklein – rotes, kurzes Sacko, dunkle Jeans – in ihr Handy. Es ist Samstag, kurz nach 10 Uhr, ringsherum Marktstände – und die Potsdamer Bundestagsabgeordnete der SPD ist schon ganz aufgeregt. Plötzlich ist er da, Fotografen kommen herbeigeeilt, ein Fernsehteam und einige Reporter. Ganz entspannt entsteigt Frank-Walter Steinmeier seiner Limousine. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion soll Wickleins Wahlkampfauftakt in Potsdam zu ein wenig Glanz verhelfen, es sind nicht einmal drei Monate, bis der Bundestag gewählt wird. Aber dafür interessiert sich gerade niemand. Wenn Steinmeier ausgerechnet in der zu Ende gehenden Woche in der brandenburgischen Landeshauptstadt ist, geht es auch um jemand anderen, der gerade gar nicht hier ist am Nauener Tor, um einen Potsdamer. Aber davon später.

Zunächst die Frage: Warum ein Wahlkampfauftakt ausgerechnet hier auf dem kleinen, aber feinen und – nunja – etwas höherpreisigen Markt mit schönem Flair am Nauener Tor? „Das ist mein Lieblingsmarkt. ich schätze die besondere Atmosphäre“, sagt Wicklein. Ein paar Meter weiter auf dem breiten Geh- und Radweg an der Hegelallee unter den Bäumen haben die Genossen ein paar Bänke und Tische aufgestellt. Dort soll es später einen „Bürger-Brunch“ geben. Auch Wahlplakate sind zu sehen, darauf Wicklein, Steinmeier und er, der Potsdamer.

Wicklein und Steinmeier schlendern also über den Markt, bleiben hier stehen und dort, ein kurzes Gespräch am Espresso-Stand, ein Tross Fotografen schiebt sich mit durchs Gedränge. Steinmeier erzählt den Reportern ein bisschen. „Ich war ja immer gern Marktgänger“, sagt er. Und es mache ja auch mehr Spaß, als beim Discounter in die Regale zu greifen. Wicklein kauft ein paar Schrippen. Ein älters Paar, sie die Arme eingehakt bei ihm, geht schnurstracks vorüber, sie zischt abfällig: „Pffft, Steinmeier“.

Dann die alles entscheidende Frage: Kann er sich vorstellen, Ministerpräsident in Brandenburg zu werden, falls es nichts wird bei der Bundestagswahl – und wenn er vielleicht doch hinschmeißt? Er, das ist Matthias Platzeck, Ministerpräsident und Chef der brandenburgischen SPD. Vor zwei Wochen war er ins Bergmann-Klinikum eingeliefert worden, Diagnose: Schlaganfall. Zehn Tage später dann der erste öffentliche Auftritt. Seine Aufgaben will er wieder voll wahrnehmen, dies aber von seinem Gesundheitszustand abhängig machen, erklärte Platzeck am Donnerstag.

Nun also Steinmeier, immerhin seit 2009 – dank Platzeck – mit eigenem Wahlkreis in Brandenburg/Havel, Spitzenkandidat der märkischen Sozialdemokraten zur Bundestagswahl – und eventuell, notfalls, vielleicht auch Ministerpräsident? Diese Spekulationen seien Unsinn, sagt Steinmeier, sein Platz sei in der Bundespolitik, auch nach der Wahl. Jedenfalls ist er mit Platzeck befreundet und sagt: Er habe sich Sorgen gemacht um ihn, und dass sie sich am Samstagabend treffen wollen. „Wir haben mehrfach telefoniert in dieser Woche, und ich war froh, dass es ihm schnell wieder besser ging.“ Wicklein sekundiert. Die Nachfolge-Debatte um Platzeck findet sie völlig daneben, brutal, sogar unmenschlich.

Jetzt auf dem Markt hat Steinmeier inzwischen auch etwas gekauft, eine Hirschsalami und Käse, für die Kameras hat er am Obststand in eine Aprikose gebissen. Dann gibt es in der Hegelallee an den Bierbänken noch ein kleines Frühstück, einige bleiben stehen, setzen sich, andere gehen weiter und rufen: „Falsche Partei.“ Kann er, Steinmeier, sich vorstellen, was in Platzeck jetzt vorgeht? Immerhin hat Steinmeier selbst ja mal eine Auszeit genommen, als er 2010 für seine Frau eine Niere gespendet hat. „Ich kenne Matthias Platzeck als besonnenen Menschen, der verantwortungsvoll entscheidet auch gegenüber seiner eigenen Gesundheit“, sagt er. „Er muss das abwägen. Das heißt nicht, dass er sich gegen den Job entscheidet.“ Wer weiß das schon. Eine Frau von der SPD, die Wickleins Markt-Aktion betreut, sagt, eigentlich kam die Sache mit Platzeck gerade recht für diesen Termin. „So viel Aufmerksamkeit hätten wir sonst nicht gehabt.“

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