zum Hauptinhalt

Landeshauptstadt: Betrunken in Topform

Adam Green stellte bei „Fritz“ sein neues Album vor

Stand:

Er sieht erstaunlich gesund aus und diese Tatsache gibt Anlass zur Sorge. Fans des New Yorker Sängers Adam Green wissen: Je derangierter der Mann mit dem jungenhaften Gesicht, je dunkler seine Augenringe, bleicher das Gesicht und strähniger die Haare, desto besser ist seine Musik. Diesen Zusammenhang zwischen körperlicher Erschöpfung und künstlerischer Qualität offenbaren die Cover seiner drei bislang veröffentlichten Alben. Sie zeigen Green mit Blut leerem Antlitz, seine Augen blicken aus tiefen Höhlen melancholisch ins Nichts. Am Dienstagabend nun steht der 24-Jährige inmitten seiner vierköpfigen Band auf der kleinen Studiobühne des Radiosenders Fritz vor etwa hundert Gästen. Sein schlaksiger Körper steckt in einem grauen Nadelstreifenanzug, dessen Ärmel ein gutes Stück zu kurz sind. Greens Wangen leuchten in einem frischen Rot, der Seitenscheitel seiner Frisur sitzt und auch sonst wirkt der Mann recht erholt und aufgeweckt.

Doch dieser erste optische Eindruck täuscht, der Sänger selbst scheint sich alles andere als fit zu fühlen. Er hat gerade erst ein paar Lieder gesungen – darunter Songs aus seinem neuen Album „Jacket Full of Danger“, das in anderthalb Wochen erscheint und mit diesem exklusiven Konzert vorgestellt werden soll – da zieht Mister Green das Mikrofon ganz nah an den Mund und stammelt: „Ich bin betrunken“. Heiterkeit im Publikum. Denn dieses Geständnis erklärt, warum der Sänger Gefallen daran findet, seine Arme wirr und ungehalten in die Luft zu reißen und seinen Körper eigenwillig wiegend über die Bühne zu schieben .

Green scheint voll und ganz in seinem Element zu sein. Er verlangt lautstark nach Whiskey und dreht nun erst richtig auf. Mit tiefer, vibrierender Stimme bringt er alte und neue Lieder, singt mit Vorliebe über Frauen oder prominente Persönlichkeiten – oder über beides zugleich. Seinen vielleicht größten Hit „Jessica“ vom zweiten Album „Friends of mine“ hat er der Schauspielerin und Sängerin Jessica Simpson gewidmet, einer blonden Dummheit auf langen Beinen, die in den USA verehrt wird, weil sie einst in einer Fernsehserie eine Dose Thunfisch öffnen konnte, ohne sich dabei die akkurat manikürten Plastikfingernägel abzubrechen. Jedenfalls fragt Green in seinem Song mit eindringlicher Stimme: „Jessica Simpson, where has your love gone, it“s not in your music, no.“ Deutlicher kann man Verachtung wohl kaum formulieren.

Wohin Adam Green seine Liebe fließen lässt, ist zweifelsfrei klar: in seine Texte. Diese sind mal naiv, mal völlig durchgeknallt, stets aber voller Wortwitz und Poesie. Die Konzertbesucher jedenfalls können die Strophen der älteren Stücke Wort für Wort mitsingen. Selbstredend. Denn seit Green nach dem Ende seiner Band The Moldy Peaches vor vier Jahren mit seinem Debütalbum „Adam Green“ den musikalischen Alleingang wagte, wird er von Musikliebhabern und -kritikern gleichermaßen als Genie gefeiert. Gemunkelt wird, dass er seine künstlerische Veranlagung von seiner jüdischen Urgroßmutter hat. Bevor sie 1936 in die USA emigrierte, war sie mit dem Schriftsteller Franz Kafka verlobt.

Zum Ende seiner knapp einstündigen Show aus seiner gewohnt eigenwilligen Mischung aus Folk, Blues und Rock“n“Roll holt Adam Green etliche Mädchen zu sich auf die Bühne. Er wankt und stolpert zwischen den glücklich lächelnden Damen hin und her, flirtet und säuselt: „I wanna dance with Emily“. Spätestens in diesem Moment hat die Greensche Formel wieder ihre Gültigkeit: Je erschöpfter der Sänger wirkt, desto besser spielt er auf.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })