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Nachgefragt. Die Trams und Busse des Potsdamer Verkehrsbetriebs sind mindestens wieder so voll wie vor der Pandemie. Und zwar seit es das Neun-Euro-Ticket gibt.
© Andreas Klaer

Neun-Euro-Ticket in Potsdam: Verkehrsbetrieb gegen Verlängerung

Das Neun-Euro-Ticket ist in Potsdam zwar gefragt – das Geld wird aber eigentlich anderweitig gebraucht.

Von Marco Zschieck

Potsdams Verkehrsbetrieb (ViP) sieht derzeit keine Chance auf eine Verlängerung des Neun-Euro-Tickets. „Über eine Fortführung des jetzigen Modells wird im Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) nicht nachgedacht“, teilte das kommunale Unternehmen auf PNN-Anfrage mit. Potsdams Verkehrsbetrieb ist Teil des VBB. Die Ablehnung habe hauptsächlich mit der völlig unklaren Finanzierungssituation eines solchen Angebotes zu tun. „Das gilt auch für alle weiteren Überlegungen hinsichtlich solch rabattierter Angebote.“

Das Neun-Euro-Ticket gibt es seit Anfang Juni und noch bis Ende August. Damit können sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland im Regionalverkehr zu einem einheitlichen Preis genutzt werden. Es ist erheblich billiger als die bis dahin angeboten Regeltarife. Mit dem günstigeren Ticket sollen Mehrbelastungen für die Bevölkerung durch die Inflation ausgeglichen werden. Außerdem sollten mehr Menschen zum Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel bewegt werden.

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Die niedrigeren Einnahmen werden durch Bundesmittel im Rahmen eines weiteren Rettungsschirmes ausgeglichen. Wie viel das den Potsdamer Verkehrsbetrieb kostet, ist noch nicht klar. „Die konkreten Zahlen werden nach der Beendigung der Aktion ermittelt“, so ein Sprecher. „Die ViP geht von kalkulatorischen Mindereinnahmen in Höhe von rund fünf Millionen Euro aus.“

Verband plädiert für 69-Euro-Ticket

In der Diskussion steht derzeit auch eine Fortführung zu einem höheren Preis. Der Verband der kommunalen Verkehrsunternehmen hatte sich kürzlich für ein 69-Euro-Ticket ausgesprochen. „Wir haben diese Aussage des VDV über die Medien zur Kenntnis genommen“, hieß es beim ViP. „Nach unserem Kenntnisstand gibt es aber weder Umsetzungsvorschläge noch eine haltbare Aussage zu Finanzierungsmodalitäten.“ Tatsächlich würde ein solches Ticket für die meisten Nutzer innerhalb Potsdams wenig Sinn ergeben: Das teuerste reguläre Monatsticket „Potsdam ABC“ kostet 65,40 Euro.

Auch das Bundesverkehrsministerium hat zurückhaltend auf einen Vorschlag aus der Branche zur Einführung einer dauerhaften deutschlandweiten 69-Euro-Fahrkarte als Nachfolger des Neun-Euro-Tickets reagiert. Ein Sprecher von Ressortchef Volker Wissing (FDP) sagte, es gebe ein verabredetes Verfahren, wonach im Herbst Ergebnisse einer Arbeitsgruppe von Bund und Ländern zur Zukunft und Finanzierung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) vorliegen sollen. 

Ohnehin setzt man beim Verkehrsbetrieb auf einen anderen Schwerpunkt. Statt niedriger Preise will man ein besseres Angebot. „Bevor über weitere rabattierte Tickets gesprochen wird, müssen erst einmal die grundlegenden Weichen für die von allen Beteiligten als notwendig angesehene Verkehrswende geschaffen werden“, hieß es auf Nachfrage. Dabei dürfe es nicht nur um die Rabattierung von Ticketpreisen gehen. „Es müssen die Kapazitäten, personellen und wirtschaftlichen Ressourcen geschaffen werden, um das System ÖPNV neu auszurichten.“

120.000 Tickets in Potsdam verkauft

Bei den Nutzern kommt das Neun-Euro-Ticket hingegen sehr gut an. Bis zum 9. August verkaufte der ViP nach eigenen Angaben circa 120.000 Tickets. Außerdem profitieren alle etwa 23 000 Abo- und Firmenticketkunden von dem Ticket und erhalten entsprechend Ermäßigungen beziehungsweise Rückzahlungen. Die Trams und Busse des Verkehrsbetriebs werden seit Anfang Juni augenscheinlich gut genutzt. Das bestätigt auch das Unternehmen: „Die Auslastung erreicht beziehungsweise überschreitet die Zahlen vor Beginn der Corona-Pandemie.“ Bis dahin waren die Fahrgastzahlen niedriger als vor der Pandemie.

Ohnehin hat der Verkehrsbetrieb Probleme: Es gibt zu wenige Fahrer. Schon Mitte Juni, also mehr als drei Wochen vor Beginn der Sommerferien, musste er wegen Personalengpässen einmal mehr seinen Fahrplan ausdünnen. Etwas mehr Fahrten als im Ferienfahrplan waren nur auf den wichtigen Linien 92 und 93 vorgesehen. Schon mehrfach hatte der ViP in den vergangenen Jahren wegen Personalmangels seinen Fahrplan ausdünnen müssen, zuletzt Ende 2021.

Zusätzlich stellt die Energiekrise den Verkehrsbetrieb vor finanzielle Herausforderungen: Wie berichtet hatte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) eine Debatte um einen Zuschuss aus dem Stadthaushalt oder höhere Ticketpreise angekündigt. Hintergrund sind höhere Kosten und sinkende Gewinne beim städtischen Energieversorger EWP, der bislang über Querfinanzierung im Stadtwerke-Verbund den Verkehrsbetrieb stützt. Für Mittwoch ist eine Sondersitzung des Hauptausschusses der Stadtverordnetenversammlung zur Energiekrise anberaumt.

Wie berichtet fordert die Linke-Fraktion im Landtag, das Ende August auslaufende Neun-Euro-Ticket bis Jahresende zu verlängern und dann im VBB ein 365-Euro-Jahresticket einzuführen. Die Mehrkosten schätzt die Linke-Fraktion auf etwa 120 Millionen Euro im Jahr. Brandenburgs Verkehrsminister Guido Beermann (CDU) hatte schon vor dem Start des Billig-Tickets mehr Geld vom Bund für mittel- bis langfristig mehr Angebote, Trassen und Züge gefordert. Die Entlastung der Bürger durch das günstige Ticket begrüße er aber.

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