zum Hauptinhalt

Voltaire-Gesamtschule in Potsdam: Wo Kinder das Schlingen lernen

„Herr Wichmann von der CDU“ leitet den Petitionsausschuss im Landtag. Der kümmert sich jetzt um das ewige Mensa-Drama an der Voltaire-Schule

Stand:

Mal wieder ein neuer Anlauf für ein seit fast zehn Jahren nicht gelöstes Potsdamer Schulproblem: Jetzt versucht der Petitionsausschuss des Landtages, die katastrophalen Zustände um die zu kleine und marode Mensa an der Voltaire-Gesamtschule anzupacken. Alarmiert von den Schülern. „Mein Eindruck ist: Man versteckt sich sich hier hinter Vorschriften“, sagte Ausschusschef Henryk Wichmann, der aus den Dokumentarfilmen von Andreas Dresen bekannte CDU-Landtagsabgeordnete, am Mittwoch bei einem Vor-Ort–Termin. Wichmann wollte sich mit dem Ausschuss, der sich schon einmal erfolglos mit dem Problem befasst hatte, nun selbst direkt ein Bild machen. Denn es war erneut eine Petition zur Voltaire-Mensa eingegangen. Und die Stellungnahme von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) dazu, sagte Wichmann, „war die gleiche wie damals“.

Das Kernproblem ist der Platzmangel an der Schule

Und nach der gibt es angeblich gar keinen Raumengpass für das Mittagessen an der Voltaire-Schule. Der aus DDR-Zeiten stammende „Speisewürfel“ sei groß genug, die Vorgaben des Bildungsministeriums seien erfüllt, hieß es da. Und genauso argumentierten Bernd Richter, Werkleiter des für Stadtgebäude zuständigen Kommunalen Immobilienservice (KIS), und eine Vertreterin aus dem Bildungsdezernat auch jetzt wieder. Freilich, die Parlamentarier kamen mittags. Und da war für sie unübersehbar die lange, bis auf den Schulhof reichende Warteschlange am einzigen Schalter für die Speiseausgabe. Da war unübersehbar, dass im Alltag die Hälfte der Mensa gar nicht für die Schulspeisung zur Verfügung steht, weil dieser meist abgetrennte Teil für den Unterricht gebraucht wird – für Klausuren, Prüfungen, Darstellendes Spiel. So werden die Quadratmeter-Vorgaben des Bildungsministeriums für Mensen eben doch nicht eingehalten. „Unser Kernproblem ist der Platzmangel an der Schule insgesamt“, sagte Schulleiterin Karen Pölk. „Die Welt sieht auf dem Papier für Behörden in Ordnung aus, die Realität ist eine andere“, sagte Wichmann. „Wir machen diese Erfahrung oft.“

Die Voltaire-Schule ist die gefragteste Gesamtschule der Stadt. 900 Kinder und Jugendliche lernen hier, von der fünften bis zur 13. Klasse, machen hier ihr Abi. Obwohl es eine Ganztagsschule ist, nimmt offensichtlich wegen der Warterei nur jeder dritte Schüler am Schulessen teil, was deutlich unter dem Landesschnitt liegt – da ist es jeder zweite. Aber mehr Schüler könnte diese Mensa ohnehin nicht verkraften. Schon jetzt schaffen es die 300 Kinder und Jugendlichen nur mit Müh und Not in der 50-minütigen Tempo-Tempo-Mittagspause. „Es kann doch nicht sein, dass wir alles herunterschlingen müssen“, sagte eine Schülerin. Zwar versuchte KIS–Werkleiter Richter, den Ball der Schule zuzuspielen. „In anderen Schulen ist die Pause auch zwei Stunden lang“, sagte er – und erntete Widerspruch von Schülern und Schulleiterin. Schon jetzt sind die Tage für die Voltaire-Schüler lang, für die Jüngeren geht der Unterricht bis 15.45 Uhr, für die Älteren bis 17.00 Uhr. „Wenn man die Mittagspause verlängert, würden wir bis zum Abend in der Schule sitzen, das ist nicht zumutbar“, sagte Felix Krassa, ein Schülersprecher. Es gebe zudem nicht wenige Schüler, die aus umliegenden Orten kommen, mit täglichen Fahrwegen von bis zu zwei Stunden.

Der Bau neuer Schulen hat Vorrang

Im aktuellen Schulbauprogramm Potsdams hat die Voltaire-Mensa keine Priorität, geplant wird erst nach 2018. Es gebe an anderen Schulen „schlimmere Zustände“, erklärte Richter. Vorrang habe der Bau neuer Schulen. Doch Stadt und KIS sehen sich auch gebremst durch starre, veraltete Vorgaben des Bildungsministeriums und Innenministeriums. So werde die neue Mensa nach den geltenden Richtlinien noch kleiner sein als die jetzige. Da waren Wichmann und die SPD-Landtagsabgeordnete Elisabeth Alter fassungslos.

Und nun? Wichmann will einen weiteren Vor-Ort-Termin des Ausschusses ansetzen, bei dem dann auch Vertreter beider Ministerien dabei sein sollen. Nötig sei vor allem „eine schnelle Übergangslösung“, sagte Wichmann, die das „Stressessen“ beende. Die Schüler fanden das gut. Und auch Elternsprecherin Ursula Ross-Stitt würde nur zu gern glauben, dass sich endlich etwas tut. „Meine Kinder werden es nicht mehr erleben“, sagte sie. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Thorsten Metzner

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })