Kultur: Mit Tangerine Dream ins Paradies
Vertonung der „Göttlichen Komödie“ wird in Brandenburg uraufgeführt / Zu sehen auch im HOT
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Vertonung der „Göttlichen Komödie“ wird in Brandenburg uraufgeführt / Zu sehen auch im HOT Im Besucherservice des Brandenburger Theaters (BT) wird intensiv englisch gelernt. Schließlich müssen Kartenwünsche aus Amerika, Kanada oder Australien entgegen genommen werden – und da kommt man mit Russisch nicht weit. Grund für die erneute Popularität der Havelstadt-Bühne – nach Hochhuths Mc Kinsey-Attacke im vergangenen Jahr – ist die legendäre Gruppe Tangerine Dream. Sie wird am 23. September ihre Performance „Paradiso“ nach Dantes „Göttlicher Komödie“ am BT uraufführen. Ursprünglich hatte die seit rund 40 Jahren musizierende Berliner Elektronik-Band New York als Aufführungsort im Auge. Da sich dort die Suche nach einem passenden Orchester etwas schwierig gestaltete, kam plötzlich das BT ins Spiel. Denn Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese kennt den Intendanten des BT, Christian Kneisel. „Er hat seine Magisterarbeit über uns geschrieben“, erzählte Froese gestern bei einem Pressegespräch in Brandenburg. Die Bekanntschaft wurde im vergangenen Jahr bei der Premiere des zweiten Teils der Dante-Interpretation in Berlin aufgefrischt – und da Kneisel mit seinen Symphonikern auftrumpfen konnte – war das Geschäft schnell unter Dach und Fach. „Zumal die Musiker zu einer Gage auftreten, wie wir sie noch nie am Hause hatten“, sagte Kneisel. Froese erinnerte daran, dass seine Band schon immer eine enge Beziehung zu der ehemaligen DDR hatte. Gern denke er u.a. an das Konzert 1980 im Palast der Republik zurück. „Auch wenn man nicht wusste, wenn man in die DDR reinfuhr, ob man auch wieder raus kommt.“ Er spürte damals das große musikalische Interesse der Zuhörer, sich mit ungewöhnlichen Dingen auseinander zu setzen. Und das wird sicher auch bei der Dante-Interpretation erforderlich sein. „Nach dem Inferno und dem langen Weg der Läuterung ist das Paradies wohl der am schwierigsten darzustellende Teil der Komödie. Über den paradiesischen Zustand hat jeder eine andere Vorstellung. Wir müssen materiell etwas darstellen, was materiell nicht darstellbar ist. Dazu können wir nur ,Krücken“ als Hilfsmittel benutzen.“ Neben den Brandenburger Symphonikern wirken bei der Uraufführung dieser Rockoper, die in einem farbenprächtigen Bühnenbild mit Projektionen sowie Licht- und Spiegeleffekten in Szene gesetzt wird, auch der Neue Kammerchor Potsdam sowie sechs Solo-Sängerinnen mit. Durch den Theaterverbund wird auch Potsdam Nutznießer dieses außergewöhnlichen Werkes sein. Nach drei Aufführungen in Brandenburg ist es am 18. und 19. Januar in der Blechbüchse zu erleben. Ebenfalls den Weg ins Potsdamer Theaterhaus findet am 5. und 6. November nach ihrer Brandenburg-Premiere im Oktober die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in der Regie von Kay Kuntze. Und auf die BT–„Cabaret“-Einstudierung durch Manuel Schöbel dürfen sich die Potsdamer Ende Februar freuen. Im Gegenzug fährt das HOT mit Schauspiel-Neuinszenierungen nach Brandenburg. „Seit gut einem Jahr haben wir mit den Potsdam-Produktionen einen Durchbruch bei unserem Publikum. Vor allem die Aufführungen mit Katharina Thalbach und Katja Riemann fanden ein Riesenecho“, so Kneisel. „Die insgesamt 22 Gastspiele aus Potsdam waren zu 78 Prozent ausgelastet.“ Auch insgesamt sei das BT im Aufwind. Mit 58 000 Besuchern 2004 befinde man sich seit den vergangenen 15 Jahren an der Spitze. „Christian Kneisel ist jetzt in seiner fünften Spielzeit hier und damit unser am längsten überlebende Intendant seit der Wende. Diese Kontinuität honorieren die Brandenburger, die großen Wert auf Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit legen“, so sein Stellvertreter Bernd Keßler. Er kündigte für den 25. November auch die Uraufführung eines weiteren Hochhuth-Stückes an: „Familienbande“. Es wirft den Blick hinter die wohlanständige Fassade einer Architektendynastie, die in der Baugeschichte Berlins eigenwillige Spuren hinterließ. Auch feste Reihen wie die „Unerhörte Musik“, „Märkische Leselust“ oder „In Gärten gelesen“ – die jetzt ihre winterliche Fortsetzung im „Erlesenen Dom“ findet – seien sichere Publikumsbänke. Heidi Jäger
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