Der Tagesspiegel : Revolution in Badehosen

Einst war es nur eine einfache Freibadestelle, heute ist es eines der größten Volksbäder Europas: Das Strandbad Wannsee wird 100

Matthias Oloew

Im Grunde genommen ist es ein hundert Jahre altes Provisorium. Als die Königliche Regierung in Potsdam seinerzeit das Baden am Wannsee erlaubte, tat sie das unter Vorbehalt: „Wir haben im Allgemeine keine Bedenken“, schrieb sie an den Landrat von Teltow, Ernst von Stubenrauch, „müssen uns indessen für den Fall, dass hieraus schwerwiegende Unzukömmlichkeiten entstehen sollten, jederzeitigen Widerruf vorbehalten.“

Solche Unzukömmlichkeiten, wie es im Sprachgebrauch des beginnenden 20. Jahrhunderts hieß, gab es in der Folge zwar viele, aber trotzdem kam niemand auf die Idee, das Baden am Wannsee jemals wieder zu verbieten. Am wenigsten Stubenrauch, in dessen Zuständigkeit der Wannsee damals fiel – zu Berlin gehört er erst seit 1920. Stattdessen wurde das Strandbad am Wannsee zu einem der größten Binnenseebäder Europas ausgebaut. Heute jährt sich die Freigabe des Badens zum hundertsten Mal.

Ganz unspektakulär ging es los. Arbeiter der Forstverwaltung rückten am 8. Mai an und tauschten die Schilder „Baden verboten“ gegen „Öffentliche Badestelle“ aus. Mehr passierte nicht an diesem 8. Mai 1907. Es war aber der Beginn einer Revolution.

Zum ersten Mal war dem breiten Publikum das Baden in Preußen erlaubt, in freier Natur von jedermann zu beobachten, ein Bad zu nehmen. Die Diskussionen ließen nicht auf sich warten und die Polizeiverordnungen auch nicht. Sie schrieben genau vor, wie die Badebekleidung auszusehen hatte, die am Wannsee zu tragen war. Bei den Damen hatten Brust, Bauch und die Beine bis über das Knie bedeckt zu sein, bei den Herren war es verpönt, so genannte Dreiecksbadehosen zu tragen. Der Zeitgenosse Wilhelm Schnepf schrieb 1907: „Sie zeigen im nassen Zustand das gerade plastisch, was eigentlich verhüllt werden soll.“ Noch 1932 reagierte die Polizei mit dem so genannten Zwickelerlass auf unschickliche Kleidung: Frauen wie Männer sollten Einlagen tragen, damit die Geschlechtsmerkmale nicht allzu deutlich hervortraten.

1924 errichtete Berlin erstmals feste Gebäude am Strandbad. Unter der Regie von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entstand eine reetgedeckte Holzgebäudeanlage, die allerdings nur wenige Jahre stand. Erstens, weil sie viel zu klein wurde, und zweitens, weil ein Teil abbrannte, nachdem ein Handwerker mit der offenen Lötlampe hantierte.

Seit 1930 bestimmen die Ziegelgebäude von Martin Wagner und Richard Ermisch das Erscheinungsbild des Strandbads. Eigentlich hätte die Anlage noch viel größer ausfallen und sich bis zum Hafen Wannsee ausdehnen sollen. Doch die Stadt drückte auf die Kostenbremse. Nach der ersten Ausbaustufe war Schluss mit dem Bauen am Wannsee.