Der Tagesspiegel : Sanfter Sog

Die Galerie Johnen zeigt Bilder von Raimer Jochims.

Grünes Leuchten. Jochims’ Interpretation der Malerei von John Constable. Foto: J. Ziehe
Grünes Leuchten. Jochims’ Interpretation der Malerei von John Constable. Foto: J. Ziehe

Schwarz wie die Nacht ist das kleine Format in der Johnen Galerie. Dass man es „durch die Augen essen“ kann, wie von Raimer Jochims in seinen Notizen behauptet, klingt nach einer poetischen Übertreibung. Und doch versteht man vor dem abstrakten Bilder aus den frühen sechziger Jahren sofort, was der Maler und Kunstheoretiker meint: Ihre samtige Oberfläche streichelt zuerst die Sinne. Und zieht den Blick dann immer tiefer in das dunkle Nichts.

Dabei hat Jochims gar kein Schwarz verwendet, sondern diverse Farben zur monochromen Oberfläche verdichtet. Flankiert werden diese strikten und dennoch sinnlichen Sehstücke von „Verlaufsbildern“, auf denen die Farbe von Zentrum zu den Rändern allmählich variiert. Als Untergrund dienen Spanplatten in manchmal unregelmäßigen Formen, deren Ränder nur grob geglättet wurden. „In meiner Arbeit drückt sich ein neues Lebensgefühl aus: das Ende der Überfluss- und Verschwendungsgesellschaft und der Illusionen des ‚Fortschritts’“, schreibt Jochims. Dass diese Erkenntnis von 1978 und nicht – wie man denken könnte – aus der Gegenwart stammt, erklärt, weshalb sich mit dem Künstler so wenig Populäres verbindet. Er hat so intensiv daran gearbeitet, kein Teil einer Mode zu werden, dass er fast aus der Zeit gefallen ist.

Galerist Jörg Johnen schenkt ihm nun die gebührende Aufmerksamkeit. Jochims abstrakte Gemälde (Preise: 2000–18 000 Euro) kombiniert er mit großen Fotografien, die Candida Höfer im Neuen Museum aufgenommen hat. Raumansichten mit farbig gefassten Wänden, die autonome Kräfte freisetzen. Ähnlich beschreibt auch Jochims die Energie der Farbe – ein Thema, zu dem er viel publiziert hat. Zu seiner imposanten Biografie gehört auch die lange Tätigkeit an der Frankfurter Städelschule. Von 1971 bis in die neunziger Jahre lehrte er dort als Professor, zwischendurch repräsentierte er die für einen theoretischen Ansatz bekannte Akademie als ihr Direktor. Dass er anstelle „neuer Bilder lieber Ikonen gemalt hätte“, hielt Jochims in den achtziger Jahren fest, „aber das ging nicht“. Was die von ihm forcierte Identität der Form eines Bildes mit seiner Farbgebung anbelangt – da ist ihm doch Ikonisches gelungen. Christiane Meixner

Galerie Johnen, Marienstr. 10, bis 14.4., Di–Sa 11–18 Uhr. Am 12.4. hält Jochims um 18.30 Uhr den Vortrag „Künstlerwege zur Gesundheit in einer kranken Gesellschaft (am Beispiel von Brancusi und Beuys)“.