Der Tagesspiegel : Schlafende Schönheiten

Berlins Galerien erschließen neue Quartiere, die „Halle am Wasser“ muss weichen. Ein Ausblick.

Unter Strom. Der Kölner Galerist Michael Kewenig ist vorerst in ein historisches Umspannwerk in Moabit gezogen. Foto: Paul Zinken
Unter Strom. Der Kölner Galerist Michael Kewenig ist vorerst in ein historisches Umspannwerk in Moabit gezogen. Foto: Paul Zinken

An der Klingel steht noch „Vattenfall“, doch der Hausbesitzer hat sein Domizil schon länger abgegeben. Nicht, dass die Galerie Kewenig vor wenigen Wochen hier sofort einziehen konnte: In dem historischen Umspannwerk mit seinen eigenwilligen architektonischen Details wurden über Jahre schwere Maschinen gelagert. „So sah es auch aus“, stellt Michael Kewenig fest, während man sich den Galeristen beim Räumen und Fegen vorstellt. Was nicht gelingen will, weil Kewenig den eleganten, dabei leicht distanzierten und ironischen Kunstvermittler gibt.

Es passt gut zu den Arbeiten am neuen Ort: einem Iglu des Arte-Povera-Künstlers Mario Merz und einer wandfüllenden Installation von Christian Boltanski. Arbeiten, die sich nicht aufdrängen, sondern in Ruhe gelesen werden wollen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Seit 1986, dem Gründungsjahr der Galerie, haben Michael und Jule Kewenig erst in Frechen und später in der Kölner Innenstadt herausragende Ausstellungen von Hanne Darboven, Jannis Kounellis, Marcel Broodthaers oder Ian Hamilton Finlay eröffnet. Mit dem Ende des Mietvertrags im Juli 2012 stand dann aber schnell fest, dass die neue Adresse nur Berlin heißen kann. „In Köln ist die Situation traurig“, konstatiert Kewenig als einer, der es wissen muss. Seit den sechziger Jahren ist er aufs Engste mit der Kunst verwoben, hat während der Schulzeit bei Legenden wie Rudolf Zwirner oder Rolf Ricke gearbeitet und ebenfalls Konzeptkünstler durchgesetzt, als am Markt andere Positionen gefragt waren. Nun sitzen Kewenig und seine Mitarbeiter an einem Ort, der einer Galerie tatsächlich noch einmal Pioniergeist abverlangt – im Zentrum von Moabit.

Eine „schlafende Schönheit“ nennt der Galerist das Haus mit seiner imposanten Fassade in der Wilhelmshavener Straße Nummer 7. Ein Zwitter, der sich nach außen hochherrschaftlich gibt, um von der Industriearchitektur im Innern abzulenken. Dass es hier ein bisschen schwierig für den Kunsthandel sein könnte, ist ihm natürlich auch durch den Kopf gegangen. Deshalb öffnen im Frühjahr 2013 zusätzliche Haupträume nahe der Museumsinsel. Das „Galgenhaus“ in der Brüderstraße, Berlins zweitältestes Haus aus dem 17. Jahrhundert, wird gerade unter den Augen des Denkmalschutzes hergerichtet. Doch Moabit bleibt als Schaulager erhalten und dient weiter für Projekte wie das aktuelle: Die Arbeiten von Merz und Boltanski waren – ebenso wie „Bottari Truck“ der koreanischen Künstlerin Kimsooja – über Jahre in einem Außenlager untergebracht und können nun erstmals wieder in aller Größe gezeigt werden (zu sehen wieder ab 7.1. zu den üblichen Galeriezeiten oder nach Anmeldung unter 030 - 39880380).

Zwei Orte mit Geschichte. Sie aufzuspüren und die Kunst weit weg vom anonymen white cube zu präsentieren, zieht sich als neuer roter Faden durch die Stadt. Auch Aurel Scheibler, der schon vor Jahren das Rheinland gen Berlin verließ, ist aktuell im Herbst noch einmal umgezogen. Seine Räume nahe dem Checkpoint Charlie hat Kai Heinze übernommen, während Scheibler am Schöneberger Ufer plötzlich hundert Jahre Tradition im Rücken hat: Das Haus Nummer 71 wurde 1911 für den Verein der Berliner Künstlerinnen entworfen. Im Erdgeschoss residierten nacheinander der Galerist Ferdinand Möller und die Brüder Nierendorf, bevor das Gebäude nach ’45 an die Besatzungsmächte überging.

Sensibel schließt die Galerie Scheibler mit ihrer ersten großen Schau am neuen Ort die Lücke zwischen den Jahrzehnten und breitet mit „Form Farbe Raum“ vier prominente Vertreter der Nachkriegsmoderne aus. Kleine Skulpturen von Hans Uhlmann stehen den abstrakten Formationen von Norbert Kricke gegenüber, Malerei von Ernst Wilhelm Nay wird mit Zeichnungen und Gemälden von Willi Baumeister zusammengebracht. In Räumlichkeiten, die architektonisch vom Historismus des späten 19. Jahrhunderts in die Moderne und damit ebenfalls von einer kulturellen Strömung zur nächsten leiten.

Zum stimmigen Konzept gesellt sich die kunstaffine Nachbarschaft. Parallel zur Neuen Nationalgalerie haben sich mit Esther Schipper oder Barbara Wien inzwischen mehrere Galerien niedergelassen. Die einzige traurige Nachricht: Lena Brüning, die erst im September neue Räume am Ufer bezogen hat, schließt aus persönlichen Gründen Anfang 2013. Am anderen Ende dieser aufstrebenden Ecke in Tiergarten wird es dafür noch ein bisschen voller. Die Galerie Michael Janssen, bis Herbst in der Rudi-Dutschke-Straße ansässig, kündigt schon für den 9. Februar ihre erste Ausstellung am neuen Ort an: Mit Assaf Gruber eröffnet die Potsdamer Straße 63, zwischen Carglass und der Produzentengalerie LSD. Ganz so früh wird es ein anderer wohl nicht schaffen, der nie in den Westen von Berlins wollte und nun gleich nebenan voll Energie die künftigen Räume umbaut: Friedrich Loock. Tatsächlich hat der Galerist den Umbau der Halle am Wasser befördert und galt lange als treibende Kraft, was die Entwicklung des einst vitalen Kunstquartiers am Hamburger Bahnhof anbelangte.

Damit ist es nun endgültig vorbei: Statt „Kunstcampus“ soll hier „Europacity“ entstehen – ein Komplex mit Büros, Geschäften und Wohnungen. Verschwinden muss die einstöckige Halle, in der neben Loock die Galerie Jarmuschek und die Sammlung Frisch beheimatet waren. Genau wie schräg gegenüber die Ateliers von Thomas Demand und Tacita Dean. Die Gegend wird ihr Gesicht radikal verändern und Kunst – auf die die Entwickler der Immobilie vor knapp einem Jahr noch mit warmen Worten setzten – künftig eine marginale Rolle spielen. Das hat Folgen bis in die nahe Heidestraße: Mit Jan-Philipp Frühsorge verlässt in absehbarer Zeit einer der letzten Galeristen den Gewerbehof, der ebenfalls einmal ein Hotspot war. Es bleibt spannend, denn auch 2013 sind die kulturellen Claims offenbar noch nicht völlig abgesteckt.

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