Der Tagesspiegel : Sogar der Tod hat Angst

Die Galerie Kai Dikhas zeigt Kunst von Sinti und Roma.

Matthias Reichelt
Was bleibt.
Was bleibt.

Im Aufbau-Haus am Moritzplatz befindet sich seit 2011 die einzige Galerie Deutschlands, die ausschließlich Kunst von Roma und Sinti zeigt. Ihnen wird immer noch mit den gleichen Vorurteilen und Klischees begegnet, die auch zu ihrer Ermordung im Nationalsozialismus führten. Während viele Museen existieren, die sich jüdischer Kultur widmen, sucht man solche Institutionen zur Kultur der Sinti und Roma vergeblich, obwohl diese hier auf eine über 600-jährige Präsenz zurückblicken können.

Klischeehaft sind die Vorstellungen, dass Sinti und Roma immer musizieren und tanzen und Folklore hervorbringen und allenfalls Motive für kitschige Kaufhauskunst abgeben. Konzeptuelle und abstrakte Kunst, Video, Malerei, Performance und alle anderen Kunstformen sind unter Roma und Sinti ebenso vorzufinden. Der Vermittlung zeitgenössischer Kunst hat sich Moritz Pankok als Leiter der Galerie vorgenommen. Mit dem Galerienamen Kai Dikhas, was in der Sprache der Roma und Sinti so viel bedeutet wie Ort des Sehens, machte er von Beginn an klar, dass hier Tacheles beziehungsweise Romanes geredet wird. Alle Publikationen der Galerie, bislang zwei stattliche Hardcoverbände, enthalten folglich sämtliche Texte auch in Romanes. Moritz Pankok, ein Großneffe des Malers Otto Pankok, will nicht „über“ die Sinti und Roma sprechen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten, ihre Kunst mit Respekt präsentieren und rassistische Projektionen ins Wanken bringen. Schon während seines Zivildienstes in Mülheim an der Ruhr leistete der 1974 Geborene Vermittlungsarbeit und inszenierte mit jugendlichen Roma aus dem Kosovo Theaterstücke in einem Flüchtlingslager. Später studierte er Szenografie in England und blieb der Theaterarbeit unter anderem auch mit Roma während dieser Zeit, danach in Mülheim und bis heute im Theater Aufbau Kreuzberg (TAK) treu.

Mit der Galerie Kai Dikhas erweitert er seinen Radius und bietet künstlerischen Positionen einen Raum wie in der gegenwärtigen Ausstellung „Stopping Places II“. Vertreten sind Delaine und Damian Le Bas, beide British travellers, wie sich die Roma in Großbritannien bezeichnen. Die 1965 in Worthing geborene Delaine Le Bas ist bekannt für ihre multimedialen Installationen und Performances, in denen sie Mythologien, Geschichte und die Kontinuität rassistischer Politik thematisiert. In der Ausstellung ist das Video ihrer Performance am Holocaust-Gedenktag letzten Jahres am noch unfertigen „Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma“ im Tiergarten zu sehen.

Der 1965 in Sarajewo geborene Nihad Nino Pušija ist mittlerweile ein international gefragter Fotograf, der das Schicksal von Romafamilien in Deutschland und nach ihrer Ausweisung in andere europäische Staaten mit eindrucksvollen Bildern (Vintages: 476 Euro) dokumentiert. Oft werden integrierte Jugendliche über Nacht in völlig fremde und ihnen feindlich gesinnte Staaten abgeschoben. Dort bleiben sie ausgegrenzt und müssen um ihr Überleben kämpfen.

Die Zeichnungen der österreichischen Romni Ceija Stojka, der ältesten in der Ausstellung vertretenen Künstlerin, thematisieren die Vernichtung der Roma und Sinti in deutschen Konzentrationslagern. Aus ihrem expressiv gemalten Zyklus „Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz“ sind mehrere Blätter zu sehen. Im Alter von zehn Jahren kam Ceija Stojka 1943 nach Auschwitz, dann nach Ravensbrück und wurde schließlich in Bergen Belsen befreit. Ihr Vater und ihr jüngster Bruder starben während der KZ-Haft. Bis heute leidet sie unter der traumatischen Erfahrung, die sie in ihren Bildern (1100–2100 Euro) zeigt, um vor einer Wiederholung der Geschichte zu warnen. Matthias Reichelt

Galerie Kai Dikhas, Prinzenstr. 85 D; bis 15.2., Di–Sa 12–19 Uhr