30 Jahre Deutsche Sporteinheit : Wie Berlin fast zum Handball-Mekka wurde

Die Spieler des SC Dynamo hätten Berlin vor 30 Jahren zum Handball-Mekka machen können. Doch es sollte anders kommen.

Lorenz Völker
Go West. Stephan Hauck (r.) war einer der weltbesten Handballer in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren.
Go West. Stephan Hauck (r.) war einer der weltbesten Handballer in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren.Imago

Stephan Hauck wollte nicht so einfach kapitulieren vor den neuen Verhältnissen. Im Sommer 1990 gab der Mannschaftskapitän des aus dem SC Dynamo Berlin hervorgegangenen HC Preußen noch stoisch die Parole aus, dass man „hier bleiben“ werde, im Osten. Ein verständlicher Wunsch. Hier, bei der Ost-Berliner Sportvereinigung Dynamo, war er zu einem der weltbesten Handballspieler ausgebildet worden. Die Mannschaft, die er anführte, war gespickt mit DDR-Nationalspielern. Warum also sollte nicht fortgeführt werden, was so erfolgreich funktionierte?

Doch die Sportler in der ehemaligen DDR wurden schnell von der Realität eingeholt. Auch Stephan Hauck. Er unterschrieb im Frühsommer 1991 beim VfL Hameln. Für einen Spieler wie ihn gab es hier, im Osten, schlichtweg keine vernünftige Perspektive mehr. Und tatsächlich: Schon ein halbes Jahr später war der HC Preußen Geschichte.

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Eine Veranstaltung namens „Sport ohne Grenzen: Der Weg in die Berliner Sporteinheit“, organisiert vom Zentrum deutsche Sportgeschichte, beschäftigt sich am Dienstag mit Geschichten wie jener des HC Preußen. Viele Zeitzeugen berichten, wie sie die Umbrüche im Berliner Sport in den Jahren 1989 bis 1991 erlebt haben (im Livestream ab 16 Uhr auf Youtube).

Nicht immer waren die Entwicklungen so dramatisch wie beim Dynamo-Nachfolger HC Preußen. Dessen Auflösung wurde schon am 3. August 1991 durch eine Mitgliederversammlung beschlossen – nur um direkt dem damaligen Zweitligisten Blau-Weiß Spandau Berlin beizutreten. Die Spandauer übernahmen zwar das Vermögen in Höhe von rund 400 000 DM, aber sie mussten auch alle laufenden Verträge des Vereins übernehmen. Im Gegenzug dafür erhielt Blau-Weiß, damals Achter der Zweiten Handball-Bundesliga-Nord, den Startplatz in der gesamtdeutschen ersten Bundesliga.

Dies war eine Vereinigung wider Willen, wobei Jürgen Kessling, damaliger Manager der Spandauer, vor allem die Chancen für ihn und seine West-Berliner erkannte: So beschwor er öffentlichkeitswirksam nach außen die „gelebte Zusammenarbeit“ zwischen Ost und West im Handball. Dabei hatte er schon seit dem Frühjahr mit Talenten wie Stefan Kretzschmar, damals siebzehnjähriger Schüler der Kinder- und Jugendsportschule in Ost-Berlin, über einen Wechsel in die Bundesrepublik verhandelt.

Der Beitritt des HC Preußen zu Blau-Weiß Spandau war das Gegenteil einer „Elefantenhochzeit“, wie das „Handballmagazin“ berichtete. Blau-Weiß Spandau war als Meister der West-Berliner Oberliga erst zur Saison 1988/89 in die zweite Bundesliga-Nord aufgestiegen. Rein formal gesehen vereinigten sich im Sommer 1991 vielmehr David und Goliath. Die Preußen spielten in der abgelaufenen Saison als Zweiter der Oberliga der DDR noch im Europapokal.

Am Ende war aber der Underdog aus dem tiefen Westen der wiedervereinten Stadt am längeren Hebel, denn die Preußen verfügten zum Zeitpunkt ihres Beitritts lediglich noch über eine Nachwuchsmannschaft des Jahrgangs 1973. Von den zwölf Spielern und zwei Trainern auf dem Mannschaftsbild im Sommer 1990 vor der Dynamo-Halle in Hohenschönhausen blieb nach Mai 1991 nur der Sportmediziner in Berlin. In Hohenschönhausen gingen nach 37 erfolgreichen Jahren Männerhandball des SC Dynamo Berlin endgültig die Lichter aus.

Die wirtschaftliche Realität holte den Klub bald ein

Die Geschichte des SC Dynamo Berlin respektive HC Preußen hatte im Sommer 1990 noch voller Selbstvertrauen begonnen: Sie „flüchteten aus einem Wartesaal voller Frust nach oben“, wie die Berliner Zeitung im Mai 1990 schrieb. Das offenherzige Interview mit dem damaligen Trainer Gunter Funk legt nahe, dass die Mannschaft vom Druck der DDR-Sportpolitik befreit endlich Meister werden konnte. Dazu wurde der amtierende westdeutsche Meister TV Großwallstadt im direkten Vergleich aus der Halle gefegt. Der neue Verein war in der Marktwirtschaft angekommen: Der ehemalige Torhüter und Co-Trainer Jörg Herrmann flog als Nebenjob schon damals wöchentlich nach Göppingen, um dort zu trainieren und zu spielen. Die Preußen legten eine solide Hinrunde hin, die ihren Höhepunkt im Heimsieg gegen den Mit-Favoriten SC Magdeburg vor 1000 Zuschauern fand. Den Sieg feierten sie in der Charlottenburger Sömmeringhalle. Das „Go West“ des ehemaligen Dynamo-Klubs war Teil einer Werbetour für den Standort Berlin, die die Preußen in West-Berliner Sporthallen absolvierten.

Entgegen aller realen wirtschaftlichen Entwicklungen hielt der umstrittene Präsident Thomas Lips fast trotzig an seiner Vision vom HC Preußen als Handball-Bundesligateam fest. Die Preußen konnten ihren Meistertitel gegen den SC Magdeburg nicht verteidigen, aber letzter (DDR)-Pokalsieger gegen Post Schwerin werden. In der Saison 1990/91, der so genannten „Geistersaison“, waren die Fachverbände der ehemaligen DDR dazu gezwungen, einen Spielbetrieb innerhalb der Grenzen des nicht mehr existierenden Landes DDR zu bestreiten. Begründung: Eine gesamtdeutsche Liga bereits zur Saison 1990/91 sei im Sommer 1990 nicht mehr zu organisieren gewesen.

Der Widerspruch zwischen dem Wunsch nach einer Kontinuität des Leistungssports auf DDR-Niveau und der wirtschaftlichen Realität wurde bald unüberwindbar. Präsident Lips präsentierte fast wöchentlich neue Partner und Strategien, bis die Ereignisse im Frühjahr 1991 fast grotesken Charakter annahmen: Es gab ernsthafte Diskussionen über eine Fusion der Berliner Preußen mit dem designierten Absteiger aus der westdeutschen Bundesliga, der SG Stuttgart-Scharnhausen. Eine weitere Abwanderungswelle von Spielern folgte.

Somit wurde der Kampf ums Überleben zu einem Wettlauf gegen die Uhr: Die Öffentlichkeit realisierte, dass Berlin zu einer Provinz im Handball verkommen könnte und erst dann, als es im Grunde schon zu spät war, wachten die entscheidenden Akteure für einen Moment auf: Der Sportsenator von Berlin, der Handball-Verband Berlin und der Landessportbund Berlin verkündeten eine mögliche Rettung, die aber nur eine Presseankündigung blieb. Am Ende der Saison hatte sich Präsident Lips mit der kompletten Mannschaft und dem Trainer zerstritten, die Zusammenarbeit in dieser Konstellation wurde boykottiert. Somit endete ein (Macht-) Kampf um ein Erbe, das offensichtlich zu belastet war, um von der ersten Generation des vereinten Deutschlands als erhaltenswert eingeschätzt zu werden.

Und Blau-Weiß Spandau? Stieg 1992 mit Stefan Kretzschmar als aufstrebenden Star aus der ersten gesamtdeutschen Bundesliga ab. Es fehlte nur ein Punkt. Danach verschwand der Klub recht bald in der Versenkung.

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