1974 - ein besonderes Jahr für den DDR-Fußball

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40 Jahre danach : Der unerhörte Sieg des 1. FC Magdeburg
Mandy Ganske-Zapf

Das Jahr 1974, es war ein ganz besonderes in der Geschichte des deutschen Fußballs. Bayern München gewann damals als erster deutscher Verein den Europapokal der Landesmeister, den Vorgängerwettbewerb der Champions League. Im Sommer wurde zudem die Fußball-WM in der Bundesrepublik ausgetragen mit dem Titelgewinn für den Gastgeber. Die DDR hatte sich zum ersten Mal überhaupt für eine WM-Endrunde qualifiziert. Und prompt besiegte die Elf in der ersten Gruppenphase den späteren Weltmeister im einzigen Aufeinandertreffen der Nationalteams beider deutscher Staaten. Das entscheidende Tor erzielte Jürgen Sparwasser.

Mit Sparwasser schließt sich der Bogen zu jener Bodenplatte in Magdeburg. Der Stürmer gehörte zu der Mannschaft, die den Europapokal der Pokalsieger gewann. Es war der einzige internationale Vereinserfolg aus Ostdeutschland. Nicht dass es an Spitzenfußball gemangelt hätte. Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig, das waren große Namen, auch in Europa. Die Magdeburger jedoch holten den prestigeträchtigen Pott. Das war am 8. Mai 1974.

Gegner im Finale war der AC Mailand, bei dem damals die italienische Legende Gianni Rivera an der Seite des in die Jahre gekommenen Deutschen Karl-Heinz Schnellinger Erfolge feierte. Seit kurzem ihr Trainer: Giovanni Trapattoni. Obwohl die jungen Herausforderer aus Magdeburg im Halbfinale Sporting Lissabon ausgeschaltet hatten, waren sie Außenseiter. „Aber im Laufe des Spiels hat man gemerkt, dass wir den Gegner praktisch beherrschten“, sagt Sparwasser heute, „und das gibt Selbstvertrauen.“ Als kurz vor der Pause das 1:0 durch ein Eigentor der Italiener fiel, „war mir schon klar: Wenn die nicht mehr zu bieten haben, werden wir das Spiel gewinnen.“

Der Moment, in dem es endgültig um den AC Mailand geschehen war, prangt in Schwarz-Weiß an der Wand eines Partyraums in einem Einfamilienhaus in Stendal im Norden Sachsen-Anhalts. Der italienische Torhüter Pizzaballa liegt da am Boden, auf das runde Leder schielend, das sich dick und prall vor den Maschen des Netzes ausmacht. Im Hintergrund jubelt Wolfgang Seguin mit hochgerissenen Armen, der Torschütze zum 2:0-Endstand. Seguin, den man seit seiner Jugend nur Paule nennt, ist heute 68 Jahre alt und steht in seinem Keller direkt vor dieser Aufnahme wie in einem Museum für Heimatkunde. Es hängen Wimpel und Mannschaftsfotos daneben, alles aus den 70er-Jahren. Was der FCM-Rekordspieler da versammelt hat, sind auch Symbole einer ganzen Ära im Ostfußball, der Pokalsieg war über Mauern hinweg ihr stärkster Ausdruck – mit dem im Westen kaum jemand gerechnet hatte.

Das Feijenoord-Stadion „De Kuip“ in Rotterdam war nur spärlich gefüllt an jenem Tag. „Die Enttäuschung war groß“, erzählt Seguin, „zu Hause hatten wir oft 45 000 Zuschauer, beim Halbfinale in Lissabon über 70 000, beim Endspiel nur 5000.“ Hätte es offene Grenzen gegeben, glaubt er, wären die Ränge ausverkauft gewesen: „Aber so durften ja nur die rüber, die, wie man so sagte, die Gesinnung hatten.“ Selbst den Spielerfrauen war der Ausflug ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet verweigert worden. Stattdessen reisten ein paar hundert ausgesuchte Unterstützer mit.

Auch Mannschaftskapitän Manfred Zapf, ostdeutsche Liberolegende, erinnert sich an die leer gefegten Sitzreihen: „Die italienischen Fans hatten anscheinend kein großes Interesse. Sie dachten wahrscheinlich, dass es einen Kantersieg für ihre Mannschaft geben würde.“ Bis heute ist das Negativrekord bei den Zuschauerzahlen für ein Europapokalfinale. Überrascht wurden dann diejenigen, die gekommen waren. Zapf: „Von Minute zu Minute feuerte uns das Publikum immer stärker an, weil unser Spiel sie mehr überzeugte als das der Mailänder.“ So viele Zuschauer wie zu diesem Spiel und mehr haben die Magdeburger Fußballer übrigens heute in der Regionalliga. Auch Zapf ist manchmal darunter.

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