• Abschied beim Berliner Sechstagerennen: Miriam Welte will endlich wieder Spaß statt Schmerz

Abschied beim Berliner Sechstagerennen : Miriam Welte will endlich wieder Spaß statt Schmerz

Bahnradfahrerin Miriam Welte verabschiedet sich beim Berliner Sechstagerennen vom Leistungssport. Der Unfall von Kristina Vogel ist dafür kein Grund.

Tschüss. Miriam Welte fährt noch einmal ein paar Runden in Berlin.
Tschüss. Miriam Welte fährt noch einmal ein paar Runden in Berlin.Foto: Soeren Stache/dpa

Miriam Welte grinst ein professionelles Grinsen. Es sind noch wenige Tage bis zum Beginn des Sechstagerennens in Berlin. Die Fotografen haben sich in Stellung gebracht. Dann aber hebt Welte die Hand. „Hinter diesem Rennrad sollte ich nicht fotografiert werden“, sagt sie. „Ich habe einen anderen Sponsor.“ Im Grunde, sagt sie, habe sie abgeschlossen mit dem Spitzensport. Aber eben noch nicht ganz. Also stellt sie sich vor den Schriftzug des Anbieters und grinst wieder.

Miriam Welte ist beziehungsweise war eine der besten Bahnradsportlerinnen, die dieses Land je hervorgebracht hat. Die 33-Jährige ist sechsmalige Weltmeisterin, 2012 wurde sie zusammen mit Kristina Vogel Olympiasiegerin in London. Doch im Herbst vergangenen Jahres erklärte sie ihren Rücktritt.

Welte strampelt fast zwei Jahrzehnte im Leistungssport

Nun kann man Dieter Stein durchaus ein gewisses Maß an Chuzpe unterstellen. Denn der Sportliche Leiter des Berliner Sechstagerennens griff direkt nach Bekanntgabe von Weltes Rücktritts zum Hörer und klingelte bei ihr durch. Sein Anliegen: Ob sie vielleicht noch ein einziges Mal auftreten wolle, beim Sechstagerennen. Welte wollte. „Die Anfrage hat mich gefreut. So kann ich mich beim Publikum bedanken“, sagt sie.

Welte wirkt befreit an diesem Januartag in Prenzlauer Berg in Berlin. Sie soll Werbung machen für das traditionsbehaftete Bahnradrennen in der Hauptstadt, das ab dem 23. Januar zum 109. Mal ausgetragen wird. „Beim Sechstagerennen kann man die Zuschauer mitnehmen und hört die Musik. Es ist anders, man kann mehr Spaß haben“, sagt sie.

Ein bisschen Spaß hat sich Welte zu ihrem Abschied redlich verdient. Seit fast zwei Jahrzehnten strampelt sie im Leistungssport. Ihr Stiefvater Frank Ziegler trainierte sie früh, formte aus ihr eine Spitzenfahrerin. Schon im Alter von 20 Jahren gewann sie ihre erste deutsche Meisterschaft. Welte konnte sich quälen wie wenig andere vor ihr. Und sie konnte es auch dann noch, als sie ohne Ende Titel gesammelt hatte – Weltcups, Weltmeisterschaften, den Olympiasieg mit Vogel. Die sportlichen Ziele schrumpften, der Ehrgeiz blieb der gleiche.

Letzter Blick zurück. Miriam Welte macht Schluss mit Leistungssport.
Letzter Blick zurück. Miriam Welte macht Schluss mit Leistungssport.Foto: Roberto Bettini/dpa

Doch wie das so ist in einer eher eintönigen Sportart wie Bahnrad, irgendwann macht der Kopf nicht mehr richtig mit. Bei Welte was das im vergangenen Herbst der Fall. Sie habe bei den letzten Trainingseinheiten gemerkt, dass die Qual nicht mehr ihr Freund gewesen sei, sondern immer mehr ihr Feind, erzählt sie. „Ich konnte den Schmerz nicht mehr so akzeptieren.“ Sie kam relativ flugs zu der festen Überzeugung, dass es das für sie gewesen sei mit dem Leistungssport. „Zumal unsere jungen Fahrerinnen Feuer unterm Hintern haben und ich nicht als Tourist zu Olympia fahren wollte“, sagt sie.

Weltes Ambition waren immer Titel, darunter ging es für sie nicht. Mit ihrer früheren Teamkollegin Kristina Vogel verband sie der unbändige Ehrgeiz und die daraus resultierenden Erfolge. Das erfolgreiche Duo verbindet zudem ein tragisches Ereignis.

Weltes Rücktritt hängt nicht mit Vogels Unfall zusammen

Vogel kollidierte im Juni 2018 beim Training in Cottbus mit einem niederländischen Fahrer und ist seitdem querschnittsgelähmt. Das war natürlich auch für Welte ein schwerer Schlag, die weiterfuhr und auf die Frage, ob Vogels Unfall ein Grund für ihren Rücktritt gewesen sei, plötzlich sehr streng dreinblickt und sagt: „Wenn das so gewesen wäre, dann hätte ich schon vor einem Jahr aufgehört.“

Miriam Welte hat viele lichte Momente in ihrer Karriere erlebt, aber sie hat hin und wieder auch ins Dunkle geblickt. Der Abschluss im Velodrom soll noch einmal hell werden. Für die ambitionierte Welte heißt das ausnahmsweise mal: Es soll Spaß machen.

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