Abschied vom FC Barcelona : Der Musterspieler Andres Iniesta

Keiner war so umsichtig und präzise wie Andres Iniesta. Seine Künste werden dem FC Barcelona fehlen.

Er lebe hoch. 16 Jahre lang spielte Andres Iniesta bei den Katalanen.
Er lebe hoch. 16 Jahre lang spielte Andres Iniesta bei den Katalanen.Foto: AFP

Der letzte Moment gehört ihm ganz allein. Es ist weit nach Mitternacht, da kehrt Andres Iniesta noch einmal zurück auf den Rasen, den er 16 Jahre lang verzaubert hat. Barfuß marschiert er quer über den Platz des Camp Nou, dieses gewaltigen Stadions des FC Barcelona, er hat es ganz für sich allein. Kein Zuschauer ist mehr da, das Licht abgeschaltet. Der kleine, große Mann sitzt sich in den Mittelkreis, er schweigt und genießt.

Es ist ein Abschied, wie er treffender nicht hätte sein können. Andres Iniesta hat sich nie selbst inszeniert, nie über andere gestellt, nie das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Er genügte sich selbst und seiner Kunst. Beim 1:0-Sieg über San Sebastian am letzten Spieltag der Primera Division hat er ein letzten Mal das blau-rote Leibchen getragen. Das katalanische Publikum ehrt ihn mit einer besonderen Choreographie, mit einem riesigen „Gracies per tant“, danke für alles. Hinterm Tor haben sie seine Rückennummer 8 quer gelegt, als Symbol für die Unendlichkeit. Nach 82 Minuten verlässt Iniesta gemessenen Schrittes und mit Tränen in den Augen den Platz „Es war mir eine Ehre, diesen Verein so lange repräsentieren zu dürfen, für mich ist es der beste der Welt“, sagt er bei seiner Abschiedsrede. „Ihr werdet für immer in meinem Herzen sein.“

Dieser Abschied wird bleiben. Wie die 32 Titel, die er in seinen 16 Jahren gesammelt hat. Und wie das berühmteste Tor seiner Karriere, er hat es kurioserweise nicht für Barcelona geschossen.

Mit Klischees kann man Iniesta nicht fassen

Acht Jahre ist das jetzt her. Johannesburg, 11. Juli 2010. Vier Minuten sind es noch in der Verlängerung des WM-Finales, Spanien drängt auf das Siegtor. Cesc Fabregas Pass findet Andres Iniesta auf dem rechten Flügel. Der zarte Filigran stoppt den Ball mit rechts, lässt ihn einmal auf den Rasen tippen und jagt ihn zum 1:0 in die linke Torecke. Nach beim Jubeln reißt er sich das blaue Leibchen vom Leib und schwingt es über dem Kopf, eher wie ein Cowboy sein Lasso denn ein Stierkämpfer seine Muleta, wie es das Klischee von einem guten Spanier verlangt.

Mit Klischees ist dieser Andres Iniesta Lujan noch nie zu fassen gewesen. Mit seiner taktischen Intelligenz und seine technischen Iniesta gilt er der Fußball-Welt als kickender Musterkatalane. Dabei kommt Iniesta gar nicht aus der rebellischen Provinz im spanischen Nordosten, sondern aus Fuenteabilla in Kastilien-La Mancha, gar nicht so weg von Madrid, der Heimatstadt von Barças Lieblingsfeind Real. Und doch ist er Katalane von Herzen, seitdem er als Zwölfjähriger ein Zimmer in Barcelonas Nachwuchsakademie La Masia bezog. Schon mit 23 versprach Iniesta, seine Karriere mal im Camp Nou zu beenden.

Daraus wird nun nichts, weil er mit 34 wohl noch eine Ehrenrunde bei Lukas Podolskis Klub Vissel Kobe drehen wird. Aber die japanische Liga gilt in Spanien ohnehin als nicht satisfaktionsfähig und wird Iniesta gern als Reha-Einrichtung zum dosierten Abtrainieren zugestanden. Ihm selbst war es wichtig, nie für einen Mannschaft zu spielen, der mal gegen den FC Barcelona in einem großen Wettbewerb antreten könne. Diese Gefahr ist bei Vissel Kobe auszuschließen.

Bei der WM in Russland darf die Welt Iniesta ein letztes Mal auf höchstem Niveau bewundern. Auf dem Rasen steht er als Antithese zu Karl-Heinz-Rummenigges Behauptung, Fußball sei keine Mathematik. Der grandiose Einfädler sieht Räume, wo andere sie noch nicht einmal ahnen, und seine Pässe erreichen ihr Ziel mit einer Präzision, die sein Spiel als Fortsetzung der Geometrie mit Außenrist und Vollspann erscheinen lassen. Sein Zauber besteht darin, die schwierigen Dinge einfach aussehen zu lassen.

Frank Rijkaard, einer seiner Trainer beim FC Barcelona, hat ihn mal den „Bonbonverteiler“ genannt. Pep Guardiola sagt, er habe durch Iniesta gelernt, den Fußball besser zu verstehen. Ein größeres Kompliment hat der Zeremonienmeister des modernen Fußballs noch nie formuliert.

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