Alexander Esswein von Hertha BSC : "Der Glaube wurde immer stärker"

Herthas Mittelfeldspieler Alexander Esswein spricht im Interview über Fußball an Heiligabend, Weihnachten in der Pfalz und seine Verbindung zu Gott.

Alexander Esswein hat auch durch seinen Glauben zu innerer Ruhe gefunden.
Alexander Esswein hat auch durch seinen Glauben zu innerer Ruhe gefunden.Foto: picture alliance / dpa


Alexander Esswein bittet um Entschuldigung, obwohl er nur fünf Minuten zu spät zum vereinbarten Interviewtermin kommt. Er lässt sich in den tiefen Ledersessel fallen und atmet erst einmal durch. Das harte Training? Oder doch die Folgen des Spiels am Abend zuvor, als Esswein mit Hertha BSC in der Europa League gegen Östersund gespielt hat? Nein, sagt er. „Ich habe wenig geschlafen.“ Ein gutes Stichwort.

Herr Esswein, in den Wochen vor Weihnachten haben Sie mit Hertha BSC viele Spiele absolviert. Von adventlicher Besinnlichkeit kann bei Ihnen vermutlich keine Rede sein, oder?

Stimmt. Das geht alles ein bisschen an einem vorbei. Man kann die Zeit nicht wirklich genießen.

Fehlt Ihnen diese Zeit, in der man bewusst ein bisschen entschleunigen und auch mal in Ruhe über all das nachdenken kann, was in diesem Jahr passiert ist?

Es bringt nichts, wenn ich das bedaure oder mich darüber beschwere. Das ist einfach so. Man muss versuchen, sich diese Zeit auch mal außer der Reihe zu nehmen.

Wann denn?

An einem Tag wie gestern zum Beispiel. Wir haben abends das Spiel und sind davor den ganzen Tag im Hotel. Da bleibt schon Zeit, sich mal zurückzuziehen und nachzudenken.

Wo verbringen Sie Weihnachten: in Berlin, in der Pfalz, Ihrer alten Heimat – oder doch in der Karibik?

(Lacht) Nicht in der Karibik. Wir haben zwar tatsächlich überlegt, ob wir in die Sonne fliegen. Aber unsere Tochter ist jetzt neun Monate alt. Im Sommer sind wir mit ihr im Urlaub gewesen. Das war für sie anstrengend – und für uns teilweise auch. Deshalb lassen wir das lieber und feiern in Ruhe mit der Familie, bei mir zu Hause in der Pfalz. Meine Eltern sind da und auch die Eltern meiner Frau.

Und Ihre Oma Hildegard ist auch dabei?

Natürlich. Sie ist jetzt 96, kann zwar nicht mehr richtig laufen und beklagt sich seit bestimmt zehn Jahren, dass sie nicht mehr Fahrrad fahren kann. Aber sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es mit ihren Beinen wieder besser geht, wenn sie erst mal 97 ist. Zum Glück ist sie im Kopf noch topfit. Sie hat sogar ein Handy und ruft mich ein-, zweimal pro Woche an – allerdings nur um zu fragen, wie es ihrer Urenkelin geht. Ich bin jetzt eher nicht mehr die Nummer eins.

Gibt es in Ihrer Familie bestimmte Rituale, die zu Weihnachten einfach sein müssen?

Unser Weihnachtsturnier. Die Männer aus der Familie und dem Freundeskreis mieten eine Halle und gehen kicken. Von drei Jahre bis siebenundfünfzig ist alles dabei. Jeder, der sich auf zwei Beinen bewegen kann, darf mitmachen. Die Frauen schmücken in der Zeit und bereiten alles vor. Um drei Uhr geht es mit der Kleinen in die Kinderchristmette, danach gibt es Kaffee und Kuchen, und anschließend geht der besinnliche Teil los.

Werden Sie Ihren Aufenthalt in der Heimat auch dazu nutzen, um dem Projekt einen Besuch abzustatten, für das Sie über Common Goal einen Teil Ihres Gehalts spenden?

Ich habe es mir zumindest fest vorgenommen. Aber wenn es jetzt nicht klappt, werde ich es allerspätestens in der Sommerpause tun.

Sie spenden wie einige andere Fußballer ein Prozent Ihres Gehalts an Common Goal. Konnten Sie sich aussuchen, welches Projekt konkret damit unterstützt wird?

50 Prozent meines einen Prozents spende ich in den allgemeinen Fonds von Common Goal. Für die anderen 50 Prozent habe ich mir Kickfair in Stuttgart ausgesucht. Das liegt am nächsten an meiner alten Heimat. Als Fußballprofi weiß man ja nie, wie lange man wo sein wird. Dadurch, dass meine Familie noch im Südwesten lebt, werde ich dort immer eine Anlaufstation haben. Und ich möchte das Projekt langfristig unterstützen.

Worum geht es bei Kickfair?

Kickfair ist ein gemeinnütziger Verein, der den Straßenfußball nutzt, um Projekte in den Bereichen Bildung, Lernen und sozialer Integration anzustoßen. Da wird nach klaren Regeln gespielt, aber ohne Schiedsrichter, damit sich die Kinder kommunikativ austauschen und selbstständig eine faire Lösung finden.

Kannten Sie das Projekt schon?

Nein, ich habe eine E-Mail geschrieben, dass ich an Common Goal interessiert bin. Ich habe aber auch gesagt, dass ich nicht einfach nur das Geld geben, sondern ein Projekt auch persönlich unterstützen möchte.

Sind Sie von Ihren Mitspielern bei Hertha schon mal auf Common Goal angesprochen worden?

Mit ein, zwei Kollegen habe ich darüber gesprochen. Aber es war kein großes Thema in der Mannschaft. Ich will auch niemanden missionieren. Wenn mich jemand darauf anspricht und ich sehe, dass er ehrlich interessiert ist, erzähle ich gerne mehr davon. Alles andere ist aber auch okay.

Seit wann haben Sie sich mit dem Gedanken getragen, sich an Common Goal zu beteiligen?

Ich habe schon länger nach einer sozialen Sache gesucht, die zu mir passt. Bei Common Goal ist das der Fall. Ich habe mich mit den Machern zusammengesetzt und war sofort begeistert. Es ist unglaublich, mit welchem Elan die bei der Sache sind.

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