Als westdeutscher Fußballer in Dresden : „Sie haben Ossi-Schweine geschrien“

Als Sergio Allievi 1990 nach Dresden wechselte, war das eine kleine Sensation. Im Interview erinnert sich der frühere Profi an seine Zeit bei Dynamo.

Underdog in der Bundesliga. Sergio Allievi (rechts) gegen den VfB Stuttgart.
Underdog in der Bundesliga. Sergio Allievi (rechts) gegen den VfB Stuttgart.Foto: Sven Simon/Imago

Sergio Allievi, 55, wechselte im Sommer 1990 als einer der ersten westdeutschen Fußballer in den Osten – vom 1. FC Kaiserslautern zu Dynamo Dresden. Dort blieb er zwei Jahre lang, bevor es ihn wieder in den Westen zog. Im Jahr 2000 beendete er seine Karriere. Heute trainiert er den Kreisligisten Schwarz-Weiß Eppendorf und arbeitet in einem Krankenhaus. Im Interview spricht er über seine Zeit in Dresden, kulturelle Unterschiede und die Suche nach einem Telefon.

Herr Allievi, wann waren Sie zuletzt in Dresden?
Das ist gar nicht allzu lange her. Dynamo hat 25 Jahre nach unserem ersten Bundesligaspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern die Spieler von damals eingeladen. Zum Zweitligaspiel, wieder gegen Kaiserslautern. 2017 war das.

Sie sind 1990 als einer der ersten westdeutschen Fußballer nach Ostdeutschland gewechselt? Warum?
Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwei Angebote aus dem Ausland. Aber mit zwei Kindern wollte meine Frau lieber in Deutschland bleiben. Dann hatte ich eine Anfrage vom VfL Bochum, die aber zu dem Zeitpunkt die Ablösesumme nicht bezahlen konnten. Dann kam irgendwann Dynamo Dresden auf mich zu. Dresden könne sie sich antun, hat meine Frau gemeint.

Sich antun? War es wirklich so schlimm?
Die Stadt an sich war schön. Alles andere war aber ein Kulturschock. Erstmal die ganzen grauen Häuser. Die Straßen waren aus Kopfsteinpflaster. Im Grunde genommen war alles alt. Die Frauenkirche stand ja noch nicht wieder, das war ja eine reine Baustelle in der Innenstadt. Die gesamte Umgebung war marode, das hat uns dann doch ziemlich erschrocken. Als wir dann einmal einkaufen waren, tippt mir einer auf die Schulter und sagt, wir müssen auf den Einkaufswagen warten. Ich habe zuerst gedacht, der macht einen Scherz. Dann musste ich wieder aus dem Laden. Die Schlange war zwei Kilometer lang.

Sie kamen aus der Bundesrepublik und waren hochbezahlt. Wie hat die Mannschaft Sie aufgenommen?
Super, das war nie ein Thema. Klar wussten alle, der kommt jetzt aus dem Westen, verdient mehr als wir. In der Truppe kam aber nie Neid auf.

Ihr Weg war trotzdem eher unüblich. Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Andreas Thom, sie alle sind in den Westen gewechselt.
Wenn meine Frau mitgespielt hätte, wäre ich sicherlich nicht nach Dresden, sondern nach Istanbul gegangen.

Die „Junge Welt“ schrieb damals: „Erste Wahl geht, zweite Wahl kommt.“
Das müssen andere beurteilen. Wir haben den Aufstieg geschafft, im Europapokal der Landesmeister das Viertelfinale erreicht, den Verein in der Bundesliga gehalten. Da muss sich jeder ein Bild daraus machen, ob wir das Geld wert waren oder nicht. An solchen Gesprächen habe ich mich nie beteiligt. Ich war in Dresden Publikumsliebling, das wird man ja auch nicht von heute auf morgen als Wessi.

Klingt nach einer erfolgreichen Zeit.
Es gab lediglich ein Spiel, das mir negativ in Erinnerung blieb: das Rückspiel gegen Roter Stern Belgrad. Im Endeffekt muss man aber schon sagen, dass das zwei positive Jahre waren, was das Sportliche betraf. Wir haben sogar einen Sieg geholt in München gegen die Bayern.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Ausschreitungen beim Spiel gegen Belgrad?
Das war ein grausamer Abend. Mein Bruder kam öfter zu den Spielen von Dynamo, er war an diesem Tag auch da. Er hat mir dann davon berichtet, dass es außerhalb des Stadions Ausschreitungen gibt und er nicht auf die Tribünen kommt. Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl: Wenn man von seinem eigenen Bruder hört, dass er um sein Leben bangt, weil da draußen Krawalle ohne Ende sind. Später haben die sich auch ins Stadion verlagert.

Allievi 2019. Heute trainiert er den Kreisligisten Schwarz-Weiß Eppendorf und arbeitet in einem Krankenhaus.
Allievi 2019. Heute trainiert er den Kreisligisten Schwarz-Weiß Eppendorf und arbeitet in einem Krankenhaus.Foto: Seidel/dpa

Wie war es denn mit den Fans in Dresden?
Mit den eigenen Fans hatten wir keine Probleme. Wir haben sogar den Aufstieg zusammen gefeiert, wie sich das gehört. Wenn wir auswärts gespielt haben, war Dynamo aber ein rotes Tuch für viele.

Heute wird die Fanszene durchaus kritisch betrachtet.
Das kann und möchte ich aus der Ferne nicht beurteilen. Zu sagen, Dynamo Dresden hat nur Krawallmacher, finde ich aber nicht richtig. So ist es ja auch nicht. Wie viele Leute von Dynamo zu den Auswärtsspielen reisen, das ist schon gewaltig. Und ich glaube, dass es in Dresden genauso viele Krawallmacher gibt wie in Dortmund, Schalke, Bayern oder was weiß ich wo. Ich finde die Dynamo-Fans einfach nur klasse.

Wie wurde Dynamo damals bei Gastspielen im Westen empfangen?
Mit Ossi-Schweine und was weiß ich, was die alle geschrien haben. Das war gang und gäbe in jedem Stadion, in dem wir auswärts gespielt haben. Die haben uns ausgepfiffen bei jedem Ballkontakt. Am schönsten war es dann, wenn wir auswärts mal ein Spiel gewonnen haben. Dann waren alle ruhig und haben ihre eigene Mannschaft ausgepfiffen. Und wir haben schön gefeiert.

In der Bundesliga wurden Sie selten eingesetzt. Dann folgte der Schritt zurück in den Westen. Sind sie geflohen?
Eine Flucht war das nicht. Dieter Müller, der damalige Dresdner Manager, hat mir einen Fünfjahresvertrag vorgelegt. Meine Frau wollte aber zurück in den Westen, weil der Junge eingeschult werden sollte. Und dann bin ich halt mit.

Peter Lux, der ebenfalls 1990 aus dem Westen zu Dynamo gewechselt ist, hielt es nur wenige Monate lang in Dresden aus.
Das sind zwei verschiedene Geschichten, ich habe mich von vornherein wohl gefühlt und wurde gut aufgenommen. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, den Osten wieder zu verlassen. Das war bei Peter Lux ganz anders. Der hatte sich von Anfang an nicht wohl gefühlt, kam auch bei der Mannschaft nicht gut an.

Woran lag das?
Peter war ein bisschen zu forsch mit seinen Kommentaren. Der hat manchmal Dinger losgelassen, das macht man einfach nicht. Einmal hat er den Mannschaftsarzt als Stasi-Mitarbeiter beschimpft. Das hat man ja auch nicht gerne gehört zu der Zeit, er musste dann zum Vorstand.

Sie haben nach Ihrer Zeit in Dresden nie wieder im Osten Fußball gespielt.
Ich bin damals zu Unterhaching und von dort zu Fortuna Düsseldorf gegangen, dort haben wir den Durchmarsch von der dritten in die erste Bundesliga geschafft. Mit Aleksandar Ristic als Trainer. Da gab es für mich keinen Gedanken daran, wieder zurück in den Osten zu wechseln. Und: Für mich sollte Dynamo Dresden die einzige Station im Osten sein. Für mich war Dynamo so tief in meinem Herzen, dass ich gesagt habe, du wirst nie wieder irgendwo anders im Osten spielen.

Was ist Ihre Lieblingsgeschichte aus der Zeit?
Mein ältester Sohn Diego ist in die Dresdner Wohnung gerannt und hat gerufen: „Oma anrufen, Oma anrufen.“ Wir haben dann geguckt, wo die Leitung ist, wir wollten ja das Telefon installieren. Es gab aber gar keinen Telefonanschluss. Dann mussten wir immer runter zur Telefonzelle. An einem Nachmittag kamen zwei junge Männer und der eine war schon so ein bisschen ungeduldig, weil er auch telefonieren wollte. Ich habe mich umgedreht und rausgeguckt, auf einmal sagte der eine zum anderen: Ey, das ist der Sergio Allievi, der muss im Westen anrufen, bleib ruhig. Dann habe ich meinen Sohn gepackt und habe gesagt: Diego, komm, wir gehen mal kurz raus. Und zu den Zweien habe ich gesagt: Jungs, ihr wisst ja, ich muss im Westen anrufen, das dauert, macht ihr mal zuerst. Da lache ich heute noch darüber.

Wann haben Sie Ihr eigenes Telefon bekommen?
Wir haben gar keins mehr bekommen. Es hieß immer wieder, wir bekommen eins. Aber das ist nie passiert. Also mussten wir zwei Jahre zur Telefonzelle.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!