• Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen: Wenn der Handball-Spieler wie ein Trainer denkt

Andy Schmid von den Rhein-Neckar Löwen : Wenn der Handball-Spieler wie ein Trainer denkt

Andy Schmid ist einer der besten Spieler in der Handball-Bundesliga. Schon bald will der 36-Jährige auch in neuer Funktion Eindruck hinterlassen.

Andy Schmid denkt schon über den nächsten Wurf hinaus.
Andy Schmid denkt schon über den nächsten Wurf hinaus.Foto: Imago

Deutschlands Haushalte sind in diesen Tagen vielerorts zu inoffiziellen Fitnessstudios umfunktioniert worden. Malaika Mihambo etwa, die Weltmeisterin im Weitsprung, überträgt via Webcam regelmäßig Trainingsstunden für interessierte Grundschüler.

Bei Alba Berlin haben sie den Corona-Zeitgeist ebenfalls frühzeitig erfasst: der Basketball-Bundesligist bringt jeden Morgen Bewegung in die Wohnzimmer der Republik - um nur zwei von zahlreichen Angeboten zu nennen, die in der Bevölkerung auf großen Zuspruch treffen.

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Irgendwie muss man sich die Zeit schließlich vertreiben, warum also nicht mit körperlicher Ertüchtigung? Wie jeder vorbildliche Profisportler hat sich auch Andy Schmid in den vergangenen Tagen und Wochen daheim fitgehalten. Sein Arbeitgeber, die Rhein-Neckar Löwen, war der erste Klub aus der Handball-Bundesliga, der massiv vom Coronavirus betroffen war.

Zunächst erwischte es den dänischen Nationalspieler Mads Mensah Larsen, später unter anderem den langjährigen Rechtsaußen der deutschen Nationalmannschaft, Patrick Groetzki. Kurz darauf machte dann die Nachricht die Runde, dass sich der im März frisch installierte Cheftrainer Martin Schwalb für zwei Wochen in Quarantäne begeben muss - genau wie die gesamte Löwen-Mannschaft.

Mittlerweile sind die Vorgaben für den Profikader des Klubs aus Mannheim zwar wieder gelockert worden, aber von Normalität sind die Löwen in etwa so weit entfernt wie der Rest der Menschheit.„Wir erleben gerade sehr spezielle, schwierige Zeiten“, sagt Schmid, „ich hoffe und wünsche mir, dass da alle gut durchkommen.“

Ein echter Leadertyp. Andy Schmid denkt schon wie ein Trainer.
Ein echter Leadertyp. Andy Schmid denkt schon wie ein Trainer.Foto: Axel Heimken/dpa

Der Schweizer, der seit Jahren zu den besten und auffälligsten Spielern der Bundesliga gehört, hat die Zwangspause in den eigenen vier Wänden dazu genutzt, etwas grundsätzlicher über seine Zukunft nachzudenken, über die Zeit nach der aktiven Karriere, die sich für Schmid langsam dem Ende zuneigt.

Im August wird der zweifache Familienvater 37 Jahre alt – und obwohl er bisher von ganz schlimmen Verletzungen verschont geblieben ist und als Spielgestalter auf einer Position agiert, die nicht so kräftezehrend und von hohem körperlichen Verschleiß geprägt ist wie zum Beispiel die des Kreisläufers, weiß er selbst natürlich am besten: Es könnte bald Schluss sein mit Handball, sehr bald sogar. Zumindest als Aktiver.

Schmid kann sich allerdings sehr gut vorstellen, sein Wissen künftig in anderer Funktion weiterzugeben: als Trainer nämlich. „Ich habe mir in der Quarantäne viele Sachen aufgeschrieben“, sagt der Rechtshänder und zählt auf: „wie ich spielen lassen würde, wie meine Mannschaft gegen unterschiedliche Abwehrsysteme angreifen oder wie sie in bestimmten Situationen verteidigen könnte.“

Andy Schmid wird fast ausschließlich im Angriff eingesetzt

Im American Football würde man sagen: Schmid hat ein Basis-Playbook geschrieben, eine Art handballerischen Leitfaden für die Zukunft. Wer Schmid jemals bei seiner Kernkompetenz beobachtet hat, muss ihm im Grunde eine Trainerlaufbahn zutrauen.

Der 1,90 große, vergleichsweise schmächtige Rückraumspieler gilt unter den Profis als einer der größten Taktik-Experten der Handball-Bundesliga. Mit einer ganz besonderen Eigenschaft: Sehr oft wissen die Gegner genau, was Schmid in bestimmten Situationen vorhat, vom Kreisanspiel bis hin zu seinem nahezu ansatzlosen, mächtigen Wurf. Die Sache ist nur: zielführende Gegenmaßnahmen sind selbst nach mehr als einem Jahrzehnt in der Bundesliga nicht wirklich überliefert.

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Im Zusammenspiel mit einem starken Kreisläufer, wie ihn die Löwen in Person Jannik Kohlbachers besitzen, ist Schmid praktisch nicht zu verteidigen. Dank dieser Offensivstärke befindet sich Schmid seit Jahren in einer sehr privilegierten Situation: Er wird von seinen Trainern fast ausschließlich im Angriff eingesetzt und muss sich nicht in der Abwehr aufreiben. „Was die Deckung angeht, hätte ich als Trainer vielleicht ein bisschen Nacholbedarf“, sagt Schmid.

Grundsätzlich würde eine Anstellung als Coach zu einem Trend passen, der sich in der Bundesliga abzeichnet: Die Trainer werden an vielen Standorten immer jünger, die nächste Generation hat bereits übernommen: In Kiel beerbte der ehemalige Welthandballer Filip Jicha vor der Saison Erfolgstrainer Alfred Gislason.

Und bei den Spitzenteams in Flensburg und Magdeburg stehen in Maik Machulla und Bennet Wiegert ebenfalls sehr junge, ehemalige Profis an der Seitenlinie, deren aktive Karrieren nicht lange zurückliegen. Andy Schmid wäre also in bester Gesellschaft, sollte es eines Tages mit einem Trainerposten klappen.

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