Anna Hahner beim Halbmarathon : Gegen den Shitstorm

Anna und Lisa Hahner wurden bei Olympia in Rio stark angefeindet. Beim Berliner Halbmarathon läuft Anna Hahner auch gegen die Vergangenheit an.

Für viel Aufregung sorgte der Zieleinlauf von Anna (r.) und Lisa Hahner bei den Olympischen Spielen 2016.
Für viel Aufregung sorgte der Zieleinlauf von Anna (r.) und Lisa Hahner bei den Olympischen Spielen 2016.Foto: dpa

Einen gemeinsamen Zieleinlauf wie vor knapp drei Jahren in Rio wird es in Berlin nicht geben. Anna Hahner wird am Sonntag beim Halbmarathon ohne ihre Zwillingsschwester Lisa an den Start gehen. Diese leidet noch an den Folgen einer Weisheitszahn-OP. „Schade“, sagt Anna Hahner. „Wir haben ein sehr enges Verhältnis.“ Für die beiden hat sich in den vergangenen Monaten vieles verändert. Sie treten nun gemeinsam für den SCC Berlin an, Lisa Hahner ist in die Hauptstadt gezogen.

An die räumliche Distanz müssten sie sich schon sehr gewöhnen, sagt Anna Hahner. „Aber ich besuche sie sehr oft.“ Am Sonntag also wird die eine der anderen nicht helfen können, wenn es Probleme gibt und ein bisschen Motivation gut täte. Dabei wird der eine oder andere Beobachter am Streckenrand vielleicht froh sein, dass die beiden nicht zusammen laufen. Weil er dann an Rio denkt – und ärgerlich wird.

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 2016 waren die beiden Händchen haltend und mit bezauberndem Lächeln über die Ziellinie des Marathons gelaufen. Hatte es schon einmal ein schöneres Zielfoto gegeben? Doch die Geschichte, die hinter diesem Foto steckt, erzählt von symbiotischen Beziehungen zwischen Geschwistern, von Missgunst und darüber, wie Sportlerinnen angefeindet werden und keine Unterstützung vom Verband erfahren.

Der Sport in Deutschland kann konservativer sein als ein Parteitag der CSU, wenn es um die Wahrung der Form geht. Hierzulande hat sich bis heute ein fast Jahn‘sches Sportverständnis bewahrt. Der Turnvater predigte einst Disziplin und Haltung, beides sollte nicht nur während des Sporttreibens aufrechterhalten werden, sondern auch in seinem unmittelbaren Umfeld. Wenn etwa in Deutschland die Fußballer bei der Nationalhymne verstummen oder ein Athlet beim Abspielen der Hymne nicht ruhig halten kann, schwillt eine beachtliche Empörungswelle an. Siege zählen dann fast nichts mehr.

Über Tage ein großes Thema

Der Verstoß der Hahner-Zwillinge gegen die kulturell verankerte Sport-Etikette war ein anderer: Sie liefen mit strahlenden Gesichtern ins Ziel, obwohl 80 Läuferinnen schneller waren. Hand in Hand signalisierten die beiden, dass sie den gemeinsamen Zieleinlauf der – noch so ein Jahn‘sches Prinzip – Aufopferung vorzogen. Über Tage hinweg waren die Händchen haltenden Geschwister das dominierende Thema der Olympischen Spiele. Sogar der US-amerikanische Nachrichtensender CNN berichtete darüber. „Was daraus gemacht wurde, der Shitstorm im Netz und auch die Berichterstattung war zum Teil unter der Gürtellinie“, sagt Anna Hahner. „Zumal es an diesem Tag etliche Medaillengewinne gegeben hat. Aber das schien niemanden mehr zu interessieren.“

Anna und Lisa Hahner war unterstellt worden, das herzerwärmende Zielfoto geplant, den sportlichen Wettbewerb der Inszenierung untergeordnet zu haben. „Nein“, echauffiert sich Anna Hahner noch heute. Beide seien davon ausgegangen, dass sie, Anna, schneller laufen werde. Doch Anna Hahner verletzte sich nach wenigen Kilometern an der Sehne. Lisa schloss auf und ab der Hälfte der Distanz liefen die beiden zusammen. Vermutlich hätte Lisa Hahner ein paar Minuten mehr ohne ihre Schwester herausholen können. Sicher aber scheint, dass die in Rio ambitionierte Anna sehr gerne weiter vorne gelandet wäre – auch ohne Lisa an der Hand zu halten.

Der genaue Ablauf interessierte in den aufgeregten Tagen von Rio nicht einmal die Mitarbeiter des eigenen Verbandes. Der damalige Leichtathletik-Sportdirektor Thomas Kurschilgen brauchte nur wenige Stunden, um den beiden in einer Pressemitteilung Respektlosigkeit vorzuwerfen. Dabei, so erzählt es Anna, habe er kurz nach dem Rennen noch bei den Geschwistern gesessen und sie mit keinem Wort zu der Aktion befragt. „Es war für uns unverständlich, wie uns Vertreter des eigenen Verbandes im Stich gelassen haben“, sagt Anna Hahner. Die Haltung von Vertretern des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) führte auch dazu, dass eine kleine Hetzjagd gegen die Frauen veranstaltet wurde. Der Rennleiter des Frankfurter Stadtmarathons ging sogar so weit, keine Einladung an die beiden zu vergeben.

Glückliche Zwillingsbeziehung

Es gehört immer noch ein bisschen zum Konsens in der deutschen Leichtathletikgemeinde, gegen die Hahner-Zwillinge zu sein. Das rührt auch daher, dass sie sich geschickt vermarkten. Die beiden demonstrieren eine geradezu symbiotische, glückliche Zwillingsbeziehung. Viele finden diese persönliche Zurschaustellung befremdlich. Andere aber dürften nur missgünstig sein, weil Anna und Lisa Hahner – gemessen an ihren sportlichen Leistungen – viele Sponsoren gewinnen konnten.

Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass insbesondere Anna Hahner ihre Werbepartner mit Erfolgen auf der Strecke noch glücklich macht. Trotz ihrer 29 Jahre gilt sie immer noch als kleines Versprechen. Vor fünf Jahren hatte sie den Wiener Stadtmarathon gewonnen. Der DLV erhoffte sich bereits viel von ihr. Doch dann bremsten viele Verletzungen ihre Karriere. Nun soll ihr neuer Trainer, der ausgewiesene Triathlon-Experte Dan Lorang, sie langsam wieder in Form bringen. „Wir brennen fürs Laufen und freuen uns auf das, was vor uns liegt“, sagt Anna Hahner. Sie spricht für sich – und natürlich für ihre Schwester Lisa.

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