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Anti-Doping-Razzien in 33 Ländern : Bis ins kleinste Studio

Der bislang größte internationale Schlag gegen Doping-Netzwerke sorgt für Aufsehen. Besonders der Freizeitsport und die Bodybuilding-Szene rücken ins Visier.

Leonard Brandbeck
Jetzt kommt alles auf den Tisch: Das von den Carabinieri herausgegebene Foto zeigt beschlagnahmte Dopingmittel nach der Anti-Doping-Razzia „Operation Viribus“. Die Polizisten sind zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte unkenntlich gemacht.
Jetzt kommt alles auf den Tisch: Das von den Carabinieri herausgegebene Foto zeigt beschlagnahmte Dopingmittel nach der...Foto: Ufficio Stampa Comando Generale Carabinieri/dpa

Es sieht ein bisschen aus wie auf dem Flohmarkt. In der Nacht auf Dienstag hat die europäische Polizeibehörde Europol Bilder veröffentlicht, auf denen zahlreiche Substanzen zu sehen sind, die bei der bislang größten internationalen Anti-Doping-Razzia beschlagnahmt wurden. Auf kargen braunen Tischen stapeln sich Medikamentenverpackungen, Tablettenhüllen und Glasfläschchen. Es ist ein Ausschnitt dessen, was die Sicherheitskräfte bei einer konzertierten Aktion in 33 Ländern sichergestellt haben.

Die Zahlen, die Europol veröffentlicht hat, haben eine enorme Wucht: Rund 3,8 Millionen Dopingmittel und gefälschte Medikamente seien im Rahmen der sogenannten „Operation Viribus“ sichergestellt worden, darunter allein 24 Tonnen Steroidpulver. Neun Dopinglabore habe man ausgehoben sowie tonnenweise Dopingpräparate beschlagnahmt. 17 organisierte Banden seien enttarnt und 839 Verfahren eingeleitet worden. Insgesamt 234 Verdächtige wurden bei der Razzia in Europa, den USA und Kolumbien festgenommen. Auch in Deutschland haben die Fahnder zugeschlagen. Festnahmen hat es zwar keine gegeben, doch gleich 463 Verfahren wurden auf den Weg gebracht, wie das Zollkriminalamt in Köln mitteilte.

Große Doping-Ermittlungen hatten schon zu Beginn des Jahres Schlagzeilen produziert: Im Februar hatte das österreichische Bundeskriminalamt im Zuge der sogenannten „Operation Aderlass“ bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld mehrere Personen festgenommen. In Deutschland sitzt ein Erfurter Sportarzt als mutmaßlicher Drahtzieher eines vermuteten Doping-Netzwerks in Untersuchungshaft. Doch dieses Mal steht offenbar nicht der Spitzensport im Fokus der Ermittlungen, sondern vor allem der Freizeitsport.

„In den vergangenen 20 Jahren hat der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen“, teilte Europol mit. Konsumenten seien vor allem Sportler aus der Fitnessszene. Untersuchungen des Sportwissenschaftlers Mischa Kläber, Ressortleiter für Präventionspolitik und Gesundheitsmanagement beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), legen nahe, dass etwa jeder fünfte Bodybuilder regelmäßig Dopingmittel einnimmt. Kläber spricht deshalb auch von einer „Dopingavantgarde“ aus Bodybuildern, Body-Shapern und Fitness-Sportlern. „Das ist per se eine sehr dopingaffine Szene“, sagt er. „Bodybuilding ist besonders anfällig für dauerhaftes Doping.“

Dabei spielt vor allem der Körperkult eine große Rolle: Die Modellierung des eigenen Körpers werde zum zentralen Bestandteil der eigenen Identität erhoben, erklärt Kläber. Danach richte sich dann auch das Alltagsleben. „Der Körper wird wie eine Maschine wahrgenommen“, sagt Kläber. Deshalb würden verschiedenste Methoden zur Optimierung des Trainings erprobt – am Ende bedeute das auch immer wieder die Einnahme verbotener Substanzen, erklärt er.

Der Bedarf am Konsum der leistungssteigernden Mittel ist unter Hobby- und Freizeitathleten sowie ambitionierten Seniorensportlern jedenfalls groß: „Wir lernen aus diesem Fall, dass es offensichtlich einen großen Markt gibt“, sagte Mario Thevis, Chef des Doping-Analyselabors in Köln.

Ein Milliarden-Geschäft

Mischa Kläber sieht die Szene dabei als Ausgangspunkt für Doping und Medikamentenmissbrauch an. Sie wirke in den gesamten Freizeit- und Breitensport hinein. Die Hintermänner des Handels mit illegalen Mitteln würden häufig aus der Bodybuilding-Szene stammen, sagt er: „Auch im Vereinskontext läuft die Versorgung oft über ansässige Fitnessstudios.“

Europol lieferte einen Einblick, wie das Milliarden-Geschäft mit den Substanzen dann aussieht: „Nicht-professionelle Athleten, Radsportler und Bodybuilder“ würden die Päckchen mit Steroiden in Asien oder Osteuropa besorgen. Die Substanzen würden sowohl online als auch in Fitnesscentern oder illegalen Läden verkauft. Für Werbung und Verkauf würden zunehmend soziale Medien genutzt.

An dem Einsatz unter Federführung der italienischen und griechischen Polizei war auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) beteiligt. Europol hatte eigens für die Aktion fünf Expertenteams nach Ungarn und Spanien verlegt, um die Ermittlungen zu begleiten. Ein Workshop Ende Mai in Budapest bereitete den Einsatz noch einmal speziell vor.

Dass die Razzia einen großen Schritt im Kampf gegen Doping und Sportbetrug bedeutet, darüber waren sich dann auch alle einig. „Nur so geht es“, sagte Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. DOSB-Chef Alfons Hörmann sah eine wertvolle Aktion, „um auch den Medikamentenmissbrauch im Breitensport zu bekämpfen“. Und sein Ressortleiter Kläber freut sich vor allem darüber, „dass nun einmal nicht so sehr die Einzelakteure, sondern die Netzwerke ins Visier rücken“. (mit dpa)

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