Sport : Auf der Suche nach Souveränität

Schalke 04 beschönigt die Situation – dabei schlittert das Team in eine Krise

Felix Meininghaus[Hannover]

Seit Mirko Slomka in der Saison 1998/99 die A-Jugend von Hannover 96 trainiert hat und Dieter Hecking damals sein Assistent war, verbindet beide Männer ein inniges Verhältnis. Slomka, der trotz Arbeitsplatz Gelsenkirchen weiterhin in Hannover wohnt, und Hecking treffen sich regelmäßig. Eine solche Beziehung verpflichtet, und deshalb hat sich Hecking als verantwortlicher Trainer von Hannover 96 wohl genötigt gesehen, seinem Freund in Zeiten der sportlichen Krise beizustehen. Er habe „von beiden Seiten ein richtig gutes Bundesligaspiel mit sehr hohem Tempo gesehen“, hat Hecking nach dem 1:1 (1:1) zwischen Hannover und den von Slomka betreuten Schalkern verkündet. Wohl wissend, dass er mit dieser Analyse – zumindest was den Schalker Part betrifft – die Realität reichlich beschönigt hatte.

Nach der frühen Schalker Führung durch Halil Altintop und dem schnellen Ausgleich von Michael Tarnat irrte der Tabellenführer reichlich orientierungslos über den Rasen und hätte sich nicht beklagen dürfen, wenn die Gastgeber eine ihrer guten Möglichkeiten zum Sieg genutzt hätten. Dagegen verzeichneten die Schalker in der letzten Stunde des Spiels nicht eine Chance, was ein Beleg dafür ist, wie dürftig die Vorstellung in Wahrheit gewesen ist. Schalke hat seinen Elan verloren und seine Souveränität. Zum Ende der Hinrunde und zu Beginn der Rückrunde hatte das Team mit Hochgeschwindigkeitsfußball geglänzt. Das Team agierte wie ein kommender Meister. Für Schalke gab es nur eine Richtung: nach oben.

Da die Konkurrenz zudem schwächelte, schien die Zeit reif für die so innig herbeigesehnten ersten deutschen Meistertitel seit 1958. Doch seit die Schalker in Wolfsburg eine 2:0-Führung verspielt haben, sind sie vom Erfolgsweg abgekommen. Es folgten die Heimniederlagen gegen Leverkusen und Hamburg sowie das dürftige Unentschieden in Hannover. Zwei Punkte aus vier Partien – das ist zu wenig, um zum großen Wurf auszuholen.

Das spielerische Auftreten der Schalker in Hannover war ohne den weiter gesperrten Spielmacher Lincoln dermaßen dürftig, dass eine schnelle Besserung nicht in Sicht scheint. Die Fehlpassquote, eine auffällige Anhäufung von Missverständnissen – die Unsicherheit in allen Mannschaftsteilen war bis auf die Tribüne zu spüren.

Nach dem Spiel waren die Schalker Profis bemüht, die eigenen Schwächen zu verschweigen und stattdessen Zuversicht zu verbreiten. So hatte der schwache Zlatan Bajramovic ein „sehr offenes Spiel“ gesehen und sagte ernsthaft: „Ein Punkt auswärts tut auch mal gut.“ Mit dem Unentschieden müsse man „zufrieden sein“, ergänzte Fabian Ernst, während Kapitän Marcelo Bordon tapfer das Prinzip Hoffnung bemühte: „Wenn nächste Woche die verletzten Spieler zurückkommen, verfügen wir auch wieder über mehr Qualität.“

Es ist legitim, dass sich die Schalker auf der Suche nach ihrer Balance solcher Hilfskonstruktionen bedienen. Auch Slomka war in Hannover eifrig bemüht, die positiven Aspekte des dürftigen Kicks hervorzuheben. Seine Mannschaft habe „sehr gut gekämpft, und wir haben hier jeden Meter verteidigt“, betonte der 39-Jährige. All die Mängel, die dabei offensichtlich geworden waren, verschwieg er galant. Dafür sagte er noch: „Wir sind weiterhin Tabellenführer, und diese Position wollen wir verteidigen.“ Slomka klang dabei nicht gerade überzeugend.

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