• Auf Druck der europäischen Sportverbände: EU rudert beim möglichen Mikroplastik-Verbot zurück

Auf Druck der europäischen Sportverbände : EU rudert beim möglichen Mikroplastik-Verbot zurück

Die europäischen Sportverbände um DOSB und DFB scheinen den Machtkampf in puncto Mikroplastik zu gewinnen. Das geht aus einem Schreiben hervor.

Auf deutschen Druck hin. Ein generelles Verbot von Mikroplastik wird es nicht geben.
Auf deutschen Druck hin. Ein generelles Verbot von Mikroplastik wird es nicht geben.Foto: Imago/Ulmer

Auf den ersten Blick mutet es nach einer merkwürdigen Debatte an. Da droht die Europäische Union (EU) damit, Kunstrasen auf Fußballplätzen schlimmstenfalls zu verbieten, weil dieser mit Mikroplastik aufgefüllt wird – und die kleinen Vereine wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Doch inzwischen bringen sich Sportpolitiker und Verbände in Stellung, und selbst Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sah sich bemüßigt, sich zu äußern.

Damit hatte die Europäische Chemikalienagentur (Echa) wohl nicht gerechnet, als sie bekanntgab, sogenanntes Mikroplastik verringern zu wollen muss diese wohl mit einem kontinentalen Jubelschrei gerechnet haben. Anders ist schwer zu erklären, wie die Behörde der Europäischen Union (EU) die Lobby der größten Sportverbände bezüglich des angedachten Verbot von Granulat auf Kunstrasenplätzen unterschätzen konnte. Ein Machtkampf, den das Echa nicht gewinnen kann.

Letztlich stützt die Forderung der Echa lediglich auf eine Studie des Fraunhofer-Instituts. Dort ist allerdings nur von einem „Worst-Case-Szenario“ die Rede, bis Ende August soll eine aktualisierte Fassung der Studie mit nach unten korrigierten Zahlen veröffentlichen werden. Mittlerweile schätzte auch das Umweltbundesamt die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik als sehr gering ein. Es sei zu groß, um vom Körper aufgenommen zu werden.

Hinzu kommt, dass die Proben und Grenzwerte, auf die sich die Fraunhofer-Studie stützt, zum großen Teil in skandinavischen Ländern entnommen wurden. „Es ist einhellige Expertenmeinung, dass Erhebungen aus anderen europäischen Ländern aufgrund abweichender Bauweisen sowie damit zusammenhängender anderer Füllstoffmengen nicht als Referenz herangezogen werden können“, teilte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf Nachfrage des Tagesspiegels mit.

Europäische Chemikalienagentur rudert zurück

Deshalb werden nun deutlich niedrigere Grenzwerte vorgeschlagen. Noch bis zum 20. September holt sich das Echa externe Expertise ein. Dann wird ein Vorschlag erarbeitet. Über ein mögliches Verbot von Kunststoffgranulat und dessen Ausmaß wird vermutlich im kommenden Jahr in einem Ausschussverfahren unter Einbeziehung der Mitgliedstaaten und des Europäischen Parlaments gefällt. Mit einem Inkrafttreten der neuen Regelung wird frühestens 2021 gerechnet.

Ziel sei es, „technische Maßnahmen zur Vermeidung des Granulataustrags an Stelle eines Verbots“ zu ergreifen, teilte das Echa in einem Schreiben an den DOSB mit. Damit reagierte die Chemikalienagentur auf die wilden Spekulationen, die ihr Verbotsvorschlag ausgelöst hat. Die Echa stellt in diesem Schreiben klar, dass weder sie selbst „noch die Europäische Kommission ein Verbot von Kunstrasenplätzen plant“.

Sie prüfe lediglich, wie der Austrag von umweltschädlichem Mikroplastik in die Umwelt verringert werden könne. „Das vorgesehene Verbot für Mikroplastik hinsichtlich der bestehenden Plätze“, teilt das Echa mit, mache keine „sofortige Umstellung auf alternative Füllstoffe notwendig“. Sprich: Das mögliche Verbot soll keinesfalls rückwirkend erlassen werden, sodass bereits verwendetes Kunststoffgranulat nicht betroffen wäre. Ein Verbot soll erst dann greifen, „wenn die Bestände von bisherigem Füllmaterial aufgebraucht wären“. Es soll also verboten werden, Granulat nachzufüllen.

Alternativen zu Kunststoff bergen Nachteile

Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Echa vom großen Druck der betroffenen Nationen und Verbände dazu genötigt fühlte, zu reagieren. So wollte etwa der auch für den Sport zuständige Bundesinnenminister Seehofer sich für eine Übergangsfrist von sechs Jahren für bestehende Kunstrasenplätze einsetzen. Auch DOSB und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollen eine sechsjährige Übergangsfrist erreichen. Der europäische Fußballverband äußerte sich. Die Uefa schätzt die Alternativen zu Kunststoffgranulat als „weder machbar noch nachhaltig“ ein und verweist auf hohe Kosten.

Bis das Echa die ersten Ergebnisse veröffentlichen wird, dauert es noch. Wenn die Zeit für Stellungnahmen am 20. September endet, sollen diese zunächst der Europäischen Kommission vorgelegt werden, die dann einen Vorschlag erarbeiten soll. Erst im kommenden Jahr wird dann eine Entscheidung gefällt. Diese wird aller Voraussicht nach lediglich eine Empfehlung, den Austrag von Mikroplastik zu verringern, enthalten.

Bis zu einer endgültigen Entscheidung über Mikoplastik und damit die Zukunft der vielen Kunstrasenplätze arbeiten DOSB und DFB weiter in einer Arbeitsgruppe an einem Faktenpapier, das unter anderem Handlungsempfehlungen für Vereine und Verbände enthalten soll. Bis Mitte August soll allen eine Liste mit den wichtigsten Fragen und Antworten zukommen.

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