Sport : Auf gute Nachbarschaft

Thomas Seibert[Istanbul]

Im Wohnzimmer der Rot-Weißen geht es hoch her. Jubelnd und singend sitzen die türkischen Fußballfans vor dem Fernseher, während die Griechen in der ganz in Blau-Weiß gehaltenen Nachbarwohnung genervt den Kopf schütteln. „Wir bitten den Nachbarn um Verständnis“, heißt es in einem Cola-Werbespot im türkischen Fernsehen, der das Land auf das EM-Qualifikationsspiel der Türkei beim Nachbarn und Erzrivalen Griechenland an diesem Samstag einstimmt. Das Duell im Georgios-Karaiskakis-Stadion von Athen ist womöglich vorentscheidend für den Ausgang in der Gruppe C, beide Mannschaften haben einen perfekten Start hingelegt: drei Spiele, drei Siege. „Wenn wir gewinnen, haben wir eine 99 -prozentige Chance, die EM-Endrunde zu erreichen“, sagte der griechische Abwehrspieler Giourkas Seitaridis. Die 32 998 Karten waren an einem Vormittag ausverkauft.

Lange Zeit galten Fußballspiele zwischen den beiden Ländern als zu heikel – die Begegnung in Athen ist erst das achte Treffen der beiden Mannschaften seit 1948. Selbst nach Ende der in den Neunzigerjahren begonnenen Aussöhnung zwischen Ankara und Athen ist das bilaterale Verhältnis noch mit so viel historischem Ballast beladen, dass die Spannungen wieder aufflackern könnten.

Das Spiel findet ausgerechnet einen Tag vor dem griechischen Unabhängigkeitstag statt, an dem das Land den Beginn des griechischen Aufstandes gegen die Herrschaft der Türken im Jahr 1821 feiert. Dennoch werde es keine Störungen geben, versicherte der Chef des griechischen Fußballverbandes, Vassilis Gagatsis. Provozierende Transparente oder Plakate im Stadion sollen nicht hingenommen werden. Stumm bleiben sollen die griechischen Fans aber auch wieder nicht, sagte Stürmer Theofanis Gekas: „Wir brauchen ihre Unterstützung.“ Griechenlands Nationaltrainer Otto Rehhagel findet, dass „wir unseren Fans einen Tag vor dem Feiertag einfach eine zusätzliche Freude machen müssen“.

Auch die Türken fiebern dem Spiel entgegen. „Wir haben gegen Griechenland noch nie verloren“, verkündete die türkische Zeitung „Hürriyet“ am Freitag, während Mannschaftskapitän Hakan Sükür markige Sprüche über Sieg und Ehre machte. „Wir reisen als Tabellenführer ab und kommen als Tabellenführer wieder“, sagte er. Dass die Türkei die Gruppe C der Europameisterschafts-Qualifikation nur dank der besseren Tordifferenz vor Griechenland anführt, ließ Sükür lieber unerwähnt. Mit Ruhm bekleckert haben sich die Türken in jüngster Zeit gegen die Griechen jedenfalls nicht: Die beiden letzten Spiele der Auswahl des Landes gegen den kleinen Nachbarn und amtierenden Europameister endeten mit torlosen Unentschieden.

Diese magere Bilanz gibt offenbar auch dem sonst nicht um patriotische Parolen verlegenen Nationaltrainer Fatih Terim zu denken. Terim ist vor dem Spiel vorsichtig zurückhaltend. Er sei dagegen, die Begegnung als „nationale Angelegenheit“ zu betrachten. „Es ist ein Spiel wie gegen jedes andere Land“, sagte er. Damit und mit demonstrativem Lob für Griechenland will Terim wahrscheinlich den öffentlichen Druck auf seine Spieler mildern.

Terim hat allen Grund, die Siegesgewissheit seiner Landsleute etwas zu zügeln. „Einen Schock nach dem anderen“ erlebe das türkische Team, schreiben die türkischen Zeitungen. Acht Spieler fehlen der türkischen Auswahl, darunter Yildiray Bastürk von Hertha BSC, der Dortmunder Nuri Sahin und Schalkes Halil Altintop. Trotz aller Probleme werde Athen keine türkische Mannschaft erleben, die auf Unentschieden spiele, sagte der türkische Nationaltrainer. Um die ersatzgeschwächte Mannschaft vor dem schwierigen Spiel zu motivieren, verlässt sich der türkische Fußballverband aber nicht nur auf die Vaterlandsliebe der Profis: Als Prämie für einen Sieg in Athen winken 25 000 Dollar für jeden Spieler. mit dpa

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