Auslaufen mit Lüdecke : Der Zauber des Zeitpunkts

Ein 4:4 ist nicht gleich ein 4:4, zeigt Schalkes Aufholwunder im Derby gegen Borussia Dortmund. Ein Kommentar von Frank Lüdecke.

Frank Lüdecke
Junel. Trubel, Heiterkeit. Naldo feiert mit seinen Mannschaftskameraden das 4:4 gegen Dortmund, nachdem die Schalker zur Halbzeit mit 0:4 zurückgelegen hatten.
Junel. Trubel, Heiterkeit. Naldo feiert mit seinen Mannschaftskameraden das 4:4 gegen Dortmund, nachdem die Schalker zur Halbzeit...Foto: REUTERS

Im Fußball sind Tore entscheidend. Aber nicht immer. Manchmal ist es auch wichtig, wann sie fallen. Der Zeitpunkt bestimmt dann über ihre Bedeutung. Wenn zum Beispiel eine Mannschaft das 1:0 erzielt, dann jubeln die Spieler. Erzielt dieselbe Mannschaft beim Stande von 0:5 den Ehrentreffer, dann fällt die Freude verständlicherweise gering aus.

An diesem Spieltag ist nun etwas ganz Besonderes passiert. Das Derby zwischen Dortmund und Schalke ist ja immer etwas Besonderes, aber das Spiel vom Wochenende wird als „Jahrhundert-Derby“ in die Fußballgeschichte eingehen.

Für die Nichteingeweihten: Dortmund führte bereits nach 25 Minuten mit 4:0. Diese vier Tore wurden in nur 14 Minuten erzielt. Schalkes Trainer Domenico Tedesco soll beim Schiedsrichter sogar darum gebeten haben, das Spiel früher abzupfeifen, so sehr lagen die Nerven blank. Die Dortmunder dagegen feierten ihre Mannschaft und den holländischen Trainer Peter Bosz. Denn die Dortmunder stecken in einer schweren Krise. Sie haben von den letzten zehn Pflichtspielen lediglich eines gewinnen können, im Pokal gegen einen Drittligisten. Die Dortmunder Verantwortlichen sondierten bereits den Trainermarkt. Und nun diese famose erste Halbzeit. Der Jubel und das Erstaunen kannten keine Grenzen.

Am Ende allerdings stand es 4:4. Schalke hatte das Unmögliche wahr gemacht und einen Vier-Tore-Rückstand aufgeholt. So etwas ist extrem selten. Dieses Kunststück ist einmal der schwedischen Nationalmannschaft in Berlin gegen Deutschland gelungen. Das vergisst man nicht.

Würde das Spiel vom Wochenende den umgekehrten Verlauf genommen haben, wäre Dortmunds Trainer Bosz jetzt der Held. So ist er der Depp. Die Krise unter dem sympathische Holländer weiterhin das Thema. Und alles nur, weil die Tore in der verkehrten Reihenfolge fielen. Das ist natürlich extrem ärgerlich. Aber so ist das manchmal im Leben. Manchmal entscheidet der erste Eindruck. Manchmal ist es aber auch so, dass die letzten Eindrücke den Ausschlag geben. Da ist Fußball wie Theater. Im zweiten Teil muss sich das Geschehen steigern, denn das ist das, was die Leute mit nach Hause nehmen. Deshalb werden Theaterstücke ja oft vom Schluss aus geschrieben.

Was die Dortmunder nun mit nach Hause nehmen, sind vier Gegentore in einer Halbzeit. Da zählen die eigenen vier geschossenen aus der ersten Halbzeit leider gar nichts. Faktisch ein Unentschieden, gefühlt eine Niederlage. Die Freude, die Komplimente, die Emotionen, die eben noch bestimmend waren, zählen 45 Minuten später gar nichts mehr.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

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