Australian Open : Angelique Kerber: Duell mit der Verstoßenen

Angelique Kerber trifft in Melbourne auf die nach einer Dopingsperre zurückgekehrte Maria Scharapowa.

Schreien für den Sieg. Angelique Kerber will die Australian Open am liebsten ein zweites Mal gewinnen. Dazu muss sie erstmal Maria Scharapowa schlagen.
Schreien für den Sieg. Angelique Kerber will die Australian Open am liebsten ein zweites Mal gewinnen. Dazu muss sie erstmal Maria...Foto: dpa

Es wäre ein schöner Moment für Angelique Kerber gewesen. Nachdem die Titelverteidigerin Serena Williams nach der Geburt ihrer Tochter für die Australian Open doch abgesagt hatte, suchten die Veranstalter nach einem Ersatz für Williams bei der Auslosungszeremonie. Kerber hätte gepasst: Sie hatte 2016 spektakulär in Melbourne gewonnen und ist bisher die Spielerin der neuen Saison. Elfmal in Serie hat sie nun nicht mehr verloren. Zuletzt feierte die 30-Jährige beim Turnier in Sydney ihren ersten Titel seit den US Open 2016, in Melbourne spielt Kerber am Samstag (9 Uhr, live bei Eurosport) ihr Drittrundenmatch. Die Siegertrophäe zur Auslosung zu tragen, wäre für die Kielerin nicht nur eine Ehre gewesen, sie hätte auch symbolisch einen Haken hinter die völlig verkorkste vergangene Saison gemacht und ihre Rückkehr zu alter Stärke gewürdigt. Am Ende stand ihr der Erfolg im Weg, Kerber spielte während der Auslosung noch in Sydney.

Anstelle Kerbers wäre die Weltranglistenerste Simona Halep für die Zeremonie in Frage gekommen, oder die Vorjahresfinalistin Venus Williams. Die Veranstalter der Australian Open entschieden aber anders. Maria Scharapowa, Williams’ Erzrivalin, die 2016 in Melbourne mit einer positiven Dopingprobe erwischt worden war, sollte die Ehre zuteil werden. Und so schritt tatsächlich Scharapowa, die das verbotene Mittel Meldonium verwendet hatte, vor Turnierbeginn feierlich mit der Trophäe in die Margaret-Court-Arena ein. Als sei nichts gewesen.

Die 30 Jahre alte Russin durfte locker über ihre 15-monatige „Auszeit“ plaudern und wie sie diese „freie Zeit“ verbracht hatte. Das böse Wort „Dopingsperre“ sparte man aus. Kerber sagt dazu: „Das Thema ist jetzt durch. Sie hat ihre Strafe abgesessen und ist wieder da.“

Kerber braucht die Anerkennung für ihre Leistungen

Bei Kerber ist die sportliche Renaissance geglückt, aber abseits des Platzes kann sie einfach nicht aus ihrer Haut. Sie fürchtet sich stets davor, auch nur das Geringste zu sagen, das falsch oder gegen sie ausgelegt werden könnte. Also sagt sie lieber nichts. Denn der Mehrheit der Spielerinnen gefiel Scharapowas glattgebügelter Auftritt bei der Auslosung überhaupt nicht. Sie sind immer noch wütend, dass die Sperre von 20 auf 15 Monate reduziert wurde. Die ehemalige australische Weltranglistenvierte Jelena Dokic überschrieb ihre jüngste Kolumne im „Sydney Telegraph“ so: „Warum Maria Scharapowa keine Freunde auf der Tour hat.“

Dass ihr Dopingvergehen zu einer Schusseligkeit heruntergespielt wird, nehmen ihr die Konkurrentinnen übel. Geredet habe die Russin, die vor zehn Jahren das Turnier in Melbourne gewann, von jeher nie mit jemandem. Das habe sich auch seit Scharapowas Rückkehr nicht geändert. Für sie ist Tennis ein Job und fertig. Die Gegnerinnen schlagen und wieder nach Hause gehen – mehr will Scharapowa nicht. „Sie war schon immer so“, schreibt Dokic, „und sie wird für den Rest ihrer Karriere damit leben müssen, dass sie niemand mag.“

Kerber aber möchte gemocht werden. Und vor allem braucht sie die Anerkennung für ihre Leistungen. Dass sie die nach den zwölf schweren Monaten und dem Neustart mit Trainer Wim Fissette nun wieder bekommt, tut ihr sichtlich gut. Sie ist nur noch die Nummer 21 der Setzliste, und obwohl schon 17 von 32 Gesetzten bei den Frauen nach vier Turniertagen ausgeschieden sind, steht Kerber nicht allzu sehr im Fokus. Sie kann sich wieder abschotten, wie sie es am liebsten mag.

Scharapowa sucht dagegen die Bühne. Bei der Auslosungszeremonie sollte sie unbedingt dabei sein. Dem Frauentennis mangelt es derzeit an Charakteren, an Rivalitäten. Melbourne braucht Scharapowa als Idol, egal ob mit Schönheitsfleck oder ohne. Ansonsten präsentiert sich Scharapowa so verbissen wie eh und je, der Hunger auf Erfolg ist da. „Ich freue mich am meisten auf Matches gegen ehemalige Champions“, sagt sie. „Ich will sehen, wo ich stehe. Ich wollte hier sein und ich habe mich selbst in diese Position gebracht. Es ist fantastisch, zurück zu sein.“ Nicht alle teilen ihre Freude.

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