Australian Open im Tennis : Alexander Zverev und die neue Lockerheit

Alexander Zverev will mit der Hilfe von Ivan Lendl bei den Australian Open endlich seine Grand-Slam-Allergie überwinden.

Trainerstunden. Seit den US Open arbeiten Alexander Zverev (links) und Ivan Lendl zusammen. Bei den ATP-Finals in London gab es den ersten großen Erfolg.
Trainerstunden. Seit den US Open arbeiten Alexander Zverev (links) und Ivan Lendl zusammen. Bei den ATP-Finals in London gab es...Foto: dpa

Ivan Lendl betrat den kleinen Außenplatz Nummer fünf im Melbourne Park und ließ sich auf einen Stuhl unter einem Sonnenschirm fallen. Er faltete die Hände vor seinem Kugelbauch und wartete. Es war Punkt zwölf Uhr Mittag. Andrej Rublew stand mit seinem Trainer bereits parat, auch sie warteten geduldig. Sieben Minuten nach zwölf erschien dann Alexander Zverev mit dem Rest seines Teams. Angelique Kerber kennt das, sie hatte er beim Hopman Cup auch dauernd warten lassen.

Mit der Pünktlichkeit hat es der Weltranglistenvierte nicht so. Schließlich erhob sich Lendl. Mit seiner schwarz-verspiegelten Sonnenbrille wirkt der achtmalige Grand-Slam-Champion noch so bedrohlich und unnahbar wie zu seinen besten Zeiten als Spieler. Von seiner Aura hat er auch mit 58 Jahren nichts eingebüßt. Ein geraunzter Spruch zum Zuspätkommer, dann ging die Einheit los. „Ivan will immer vier Stunden täglich trainieren“, stöhnte Zverev. Doch diesmal waren es nur noch zwei in der Mittagshitze, denn bereits am Dienstag beginnen für den 21-Jährigen die Australian Open gegen den Slowenen Aljaz Bedene. Und dieses Mal soll für Zverev bei den Grand-Slam-Turnieren alles besser werden.

„Ich will mit mehr Spaß an die Sache rangehen, lockerer“, hatte Zverev im Vorfeld angekündigt. Und zumindest beim Mediengespräch war er weit entspannter als üblich. Bisher verkrampfte er jedoch zu oft bei den vier Saisonhöhepunkten, so kam er nie weiter als bis zum Viertelfinale. Mal wollte er zu viel, mal setzte er sich zu sehr unter Druck, dann wieder rief er in wichtigen Momenten nicht sein bestes Tennis ab. Das Problem sitzt im Kopf. „Man darf nicht denken, dass es das Ende der Welt ist, wenn man verliert“, sinnierte Zverev: „Wenn man es mehr genießt, wird man automatisch auch mehr Erfolg haben.“ Bei den Tour-Finals in London sei ihm das so gelungen, erzählte er. Das Turnier der besten acht Profis gewann Zverev im Herbst und hofft nun, dass diese neue Lockerheit auch in Melbourne zum Erfolg führt.

Ist Zverev also endlich bereit für seinen ersten Grand-Slam-Titel?

Ganz leicht wird das allerdings nicht, schließlich sind wieder alle Augen auf den gebürtigen Hamburger gerichtet. Auch am Sonntag tummelten sich etliche Kameras am Platz und von der kleinen Tribüne aus beobachtete Boris Becker aufmerksam das Training der deutschen Nummer eins. Neben seiner Arbeit als TV-Kommentator ist er weiterhin als Beauftragter des Deutschen Tennis-Bundes für die Männer vor Ort.

Zverev hatte sich seinerzeit gegen Becker als Trainer entschieden. Einerseits wegen dessen privater Turbulenzen, anderseits war ihm Becker zu teuer. Drei Millionen Euro soll dieser als Coach von Novak Djokovic verdient haben. Mit Lendl ist Zverev da besser bedient, zudem steht sein Vater Alexander senior weiter an seiner Seite. Ist Zverev also endlich bereit für seinen ersten Grand-Slam-Titel? „Sonst würde ich nicht täglich so hart arbeiten und dann hätte ich nicht Ivan Lendl in meinem Team, wenn ich nicht bereit wäre“, betonte Zverev am Rande des Hopman Cups. Das Schauturnier spielte er wie im Vorjahr mit Kerber zur Vorbereitung. Und nur gegen Roger Federer verlor er.

Zverev schuftete und immer wieder bellte Lendls Stimme über den Platz. Rublew, auch 21 Jahre alt und als weiteres großes Talent gehandelt, hatte Zverev bei einem seiner seltenen Netzangriffe mit voller Wucht auf den Körper getroffen und sich sofort entschuldigt. „Warum entschuldigst du dich für einen fantastischen Schlag?“, raunzte Lendl Rublew an. „Ich dachte, ich hätte ihn fast umgebracht“, antwortete der Russe kleinlaut. „Und dafür entschuldigst du dich? Was soll das?“

Lendl ist ein harter Hund, unerbittlich. Andy Murray ließ er 2013 nach dem gemeinsamen Wimbledonsieg fallen, als dieser nach einer Rücken-Operation vor einer ungewissen Zukunft stand. Lendl ist keiner für Sentimentalitäten. Aber er kann die paar Prozent aus einem Spieler herauskitzeln, die den Unterschied ausmachen zwischen Talent und Champion. „Ich bin sehr zufrieden, wie die Vorbereitung gelaufen ist“, sagte Zverev. Die leichte Knöchelverletzung, die er sich am vergangenen Donnerstag im Training zugezogen hatte, sei kein Handicap. „Es geht los. Jetzt muss man anfangen, richtig gutes Tennis zu spielen. Und ich hoffe, dass ich dazu bereit bin.“

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