• Belgien im WM-Halbfinale: Belgien gegen Frankreich – raus aus dem Schatten des großen Bruders

Belgien im WM-Halbfinale : Belgien gegen Frankreich – raus aus dem Schatten des großen Bruders

Die Beziehung zwischen den Nachbarn Frankreich und Belgien ist kompliziert. Der eine ist groß, smart, erfolgreich. Der andere heißt Belgien – hat aber Thierry Henry auf seiner Seite.

Rolf Heßbrügge
Das Wahrzeichen der Belgischen Hauptstadt, Manneken Pis, 2016 im Trikot der Nationalmannschaft.
Das Wahrzeichen der Belgischen Hauptstadt, Manneken Pis, 2016 im Trikot der Nationalmannschaft.Foto: picture alliance / dpa / EPA/JULIEN WARNAND

Es gibt diesen herrlich-skurrilen französischen Film. „Nichts zu verzollen“ heißt er und spielt im belgisch-französischen Grenzort Courquain, wo sich die Grenzbeamten der beiden Bruder-Nationen gegenseitig die Arbeit und das Leben schwer machen. Das Ganze ist natürlich nur eine Komödie. Und doch sagt der Film viel aus über das französisch-belgische Verhältnis: Es ist kompliziert, so wie die Beziehung zweier Brüder: Der eine ist groß, weltmännisch und erfolgreich.

Der andere kommt eher provinziell und ein bisschen schrullig daher. Belgien teilt das tragische Los so vieler kleiner Brüder auf dieser Welt: Im Wetteifern mit dem großen Frankreich um Lob, Achtung und Anerkennung ist es einfach schwierig zu bestehen. Gut, die Belgier haben Brüssel, das Atomium und das liebenswerte Manneken Pis. Aber Frankreich hat Paris. Den Eiffelturm. Und die wunderbare Mona Lisa.

Nichts aber symbolisiert die belgische Malaise so treffend wie der Fußball: Wann immer die „Roten Teufel“ etwas besonders gut machen, kommt die „Equipe Tricolore“ und macht es noch besser. So lief es schon in den Achtzigern: Vier Jahre, nachdem Ceulemans, Gerets & Co. sensationell das EM-Finale 1980 gegen die DFB-Elf (1:2) erreicht hatten, gewann Frankreich den Titel. Voilà. Niemand sprach mehr über die tapferen Belgier. 1986 in Mexiko kam Belgien bis ins Halbfinale der WM. Aber die Franzosen eben auch – und die putzten den kleinen Nachbarn im Spiel um Platz drei mit 4:2 nach Verlängerung. 1994 in den USA gelangten die Belgier immerhin ins Achtelfinale gegen Deutschland (2:3), während Frankreich sich nicht einmal qualifiziert hatte. Vier Jahre später aber wurden Zidane & Co. Weltmeister. Und bei der EM 2000? Da ging Belgien als ambitionierter Co-Gastgeber ins Rennen, flog jedoch in der Vorrunde raus. Die Franzosen holten den Titel.

Ein Erfolg könnte zur Identitätsbildung Belgiens beitragen

Diesmal aber sei Belgien reif für etwas Großes, befindet Kevin De Bruyne: „So eine Chance erlebst du nur einmal, wenn überhaupt. Natürlich wollen alle ins Finale, in das Spiel, auf das die ganze Welt schaut.“ Für Belgien wäre ein Sieg über Frankreich aber viel mehr als nur das Endspiel-Ticket – es wäre ein gewaltiger Schritt heraus aus dem mächtigen Schatten des großen Bruders. Zudem könnte Belgiens Erfolg zur Festigung einer eigenen nationalen Identität beitragen, denn De Bruynes Heimatland ist innerlich ziemlich zerrissen.

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Belgiens Norden ist das Zuhause von rund sechs Millionen Flamen, die einen eigenen niederländischen Dialekt (Flämisch) sprechen. Im Süden leben etwa vier Millionen französischsprachige Wallonen. Die größte Kraft im belgischen Parlament sind flämische Separatisten, doch auch wallonische Nationalisten spielen eine gewichtige Rolle. In der Mitte, eingekeilt zwischen Flandern und der Wallonie, liegt die Hauptstadt Brüssel. Dort lebt gut eine Million Menschen, die zu 85 Prozent französisch und nur zu 15 Prozent flämisch sprechen. Wobei: Über die Hälfte der Hauptstadt-Bewohner sind Migranten, darunter leider auch eine kleine Kolonie militanter Islamisten, die das belgisch-französische Verhältnis zuletzt arg belasteten: Fast alle Drahtzieher der Anschläge von Paris im November 2015 stammten aus Brüssel.

Und so ist es, wie es ist: Frankreich, die Grande Nation, blickt halb geringschätzig, halb mitleidig auf dieses kleine, merkwürdige Belgien herab. Vielleicht hat der kleine Bruder die großen Franzosen diesmal aber ausgetrickst. Denn im Vorfeld des Halbfinales am Dienstag können die „Roten Teufel“ auf das immense Insiderwissen eines gewissen Thierry Henry bauen. Frankreichs Weltmeister von 1998 ist Co-Trainer unter Nationalcoach Roberto Martinez. „Ich denke, Thierry weiß einiges über das Team Frankreichs. Er ist auf unserer Seite, und er wird nicht zögern, uns diese Informationen zu geben“, verriet Verteidiger Thomas Vermaelen. Sollte das so kommen und Belgien gewinnen, wäre das ein weiteres Kapitel im ewigen Bruderkampf.

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