Berlin Finals : Miriam Welte biegt auf die Zielgerade ein

Die Bahnradfahrerin Miriam Welte will spätestens nach Olympia 2020 aufhören. Bis zu ihrem Karriereende aber hat sie sich noch viel vorgenommen.

Michael Wiedersich
Pfeilschnell. Das Zeitfahren über 500 Meter ist die Paradedisziplin von Miriam Welte, in Berlin wurde sie jedoch knapp von Emma Hinze geschlagen.
Pfeilschnell. Das Zeitfahren über 500 Meter ist die Paradedisziplin von Miriam Welte, in Berlin wurde sie jedoch knapp von Emma...Foto: imago/PanoramiC

Wie ein Pfeil auf zwei Rädern schießt Miriam Welte aus der Startmaschine heraus. Das Zeitfahren über 500 Meter gilt als Paradedisziplin der Bahnradsportlerin. Hier wurde sie Weltmeisterin, Europameisterin und elfmal Deutsche Meisterin seit 2006. Auch an diesem Donnerstagabend im Berliner Velodrom ist sie die Favoritin auf den nationalen Titel. Mit über 1500 Watt beschleunigt sie innerhalb kürzester Zeit auf 60 Stundenkilometer. In den Zwischenzeiten liegt sie vorne, alles wie immer also. Doch auf den letzten Metern verliert sie ihren komfortablen Vorsprung. Am Ende ist es Platz zwei hinter der neuen Deutschen Meisterin Emma Hinze, nicht einmal drei Zehntel Sekunden trennen die beiden Sprinterinnen. Nur Zweite? „Natürlich bin ich enttäuscht, ich wollte schon gewinnen. Aber Emma war schneller als ich, das muss man anerkennen.“ Welte bleibt fair, sie hat ja ohnehin noch mehr Chancen.

Miriam Welte ist eine Konstante im Deutschen Bahnradsport und eine Sympathieträgerin noch dazu. Ihre sportliche Bilanz ist beeindruckend, lediglich ihre langjährige Teamsprint-Partnerin Kristina Vogel kann dabei mithalten. Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Europameisterin war die 32-Jährige aus Kaiserslautern bereits, ganz zu schweigen von den zahlreichen nationalen Meistertrikots sowie Silber- und Bronzemedaillen. Und während die männlichen und weiblichen Titelträger bei nationalen und internationalen Meisterschaften in den verschiedenen Bahn-Disziplinen kommen und gehen, ist die Polizeioberkommissarin seit mehr als 12 Jahren regelmäßig auf den Siegerpodien im Kurzzeitbereich zu finden. Am Samstag belegte sie bei den Berlin Finals im Keirin-Wettbewerb Platz sechs.

Mit der Jagd nach Medaillen soll es jedoch bald vorbei sein. Spätestens nach den Olympischen Spielen von Tokio im nächsten Jahr will sie aufhören. „Olympia wäre ein superschöner Abschluss für mich. Das ist auch mein großes Ziel, das noch einmal zu schaffen und ich setze dafür noch einmal alles auf eine Karte.“ Die Qualifikationskriterien für 2020 sind eine kleine Wissenschaft für sich. Aber Welte kennt sie genau und ist optimistisch, diese auch zu erfüllen. Die deutschen Bahnmeisterschaften in Berlin sieht sie als einen Zwischenschritt auf den Weg dorthin, mehr aber auch nicht. „Die Qualifikation ist im vollen Gange und die Olympianominierung erfolgt erst im nächsten Jahr. Ich war am Donnerstag über die 500 Meter wieder die schnellste Anfahrerin. Das ist auch, was für den Teamsprint wichtig ist. Deswegen bin ich zuversichtlich und auf einem guten Weg.“

Einen Zusammenhang zwischen dem schweren Trainingsunfall von Kristina Vogel und ihrem Karriereende verneint Welte. „Die Entscheidung, die Radsportkarriere im nächsten Jahr zu beenden, habe ich lange reifen lassen. Ich fahre solange, wie ich Spaß habe. Wenn Kristinas Unfall ein Grund gewesen wäre, hätte ich im letzten Jahr schon aufgehört.“

Seit 2002 fährt sie Radrennen

Seit 2002 fährt die Pfälzerin Radrennen. „Ich hatte immer Freude am Radfahren und am Training. Viele werden getrieben von ihren Eltern und ihrem Umfeld, mich musste nie jemand zwingen. Ich liebe diesen Sport, ich glaube, das ist auch entscheidend“, sagt Welte. Immer an ihrer Seite ist ihr Stiefvater und Trainer Frank Ziegler. „Er spielt eine große Rolle und begleitet mich schon mein ganzes Sportlerleben lang“, sagt Welte. „Er ist der Macher des Erfolges und hat immer an mich geglaubt. Ohne ihn wäre ich auch nicht soweit gekommen.“

Angst vor der Zeit nach dem Karriereende hat Welte nicht. „Es ist natürlich keine Entscheidung, die einem leicht fällt, gerade wenn man vorne in der Weltspitze mitfährt. Aber du gehst im Training jeden Tag an deine Grenzen, fährst Vollgas und versuchst das Beste aus deinem Körper herauszuholen“, sagt sie. „Deswegen freue ich mich auf die Zeit danach, wenn ich mich nicht mehr auskotzen muss und auch mal entspannt den Tag angehen kann.“ Dann bleibt hoffentlich auch die Zeit für Welte, sich einen Herzenswunsch erfüllen. „Ich träume davon, mal irgendwann in den Rocky Mountains Ski zu fahren.“

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!