• Berliner Halbmarathon: Warum die 21 Kilometer für viele Profis ein Steigerungslauf sind

Berliner Halbmarathon : Warum die 21 Kilometer für viele Profis ein Steigerungslauf sind

In der Leichtathletik gilt: Je älter die Sportler, desto länger die Distanz. Auf diesem Weg ist auch Richard Ringer – über den Halbmarathon.

Deutscher Hoffnungsträger. Richard Ringer besitzt großes Potenzial.
Deutscher Hoffnungsträger. Richard Ringer besitzt großes Potenzial.Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp

Es könnte ein wirklich bedeutender Tag für ihn werden – dessen ist sich Richard Ringer absolut bewusst. Und deshalb betont er schon jetzt: Wenn er in einigen Jahren auf seine Karriere zurückblicken werde, könnte er über den heutigen Sonntag im Jahr 2019 und den Berliner Halbmarathon sagen: „Das war der Ursprung und Meilenstein für meine zweite Karriere.“

Derzeit steckt Ringer noch mitten in seiner ersten Karriere. Der Leichtathlet vom Bodensee gehört über 5000 und 10.000 Meter zu den besten Läufern Europas, im vergangenen Jahr gewann er den Europacup in London über 10.000 Meter. Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio möchte er noch als Bahnläufer bestreiten, aber danach gibt es für ihn nur ein Ziel: „Ich will Marathon laufen.“

Ringer läuft in Berlin seinen ersten Halbmarathon

Dass Ringer nun, im Alter von 30 Jahren, langsam den Übergang in seine zweite Sportlerkarriere zum Marathon angeht, ist nichts Ungewöhnliches. Bei Marathonläufern gilt der Spruch: Je älter der Athlet, umso länger die Distanz. Auch der beste seines Fachs, der Kenianer Eliud Kipchoge, hat seinen Marathon-Weltrekord (2:01:39 Stunden) im vergangenen Jahr in Berlin im Alter von 33 Jahren aufgestellt. Doch warum ist das so? Und wie funktioniert das genau? Richard Ringer durchläuft diesen Prozess gerade in allen Elementen.

Der erste Schritt zum Marathon ist für ihn der Berliner Halbmarathon an diesem Sonntag (Beginn: 10.05 Uhr), für Ringer ist es der erste Halbmarathon seiner Karriere. Und er will es gut hinbekommen. Denn er weiß: „Viele schaffen den Übergang nicht. Zwischen Bahn und Straße liegen Welten.“

Diesen großen Unterschied zwischen Bahn und Straße spürt Ringer überall an seinem Körper. Es geht los in den Waden, geht weiter zu den Füßen und dann wieder hinauf zum Kopf. „Das Straßenlaufen geht nicht so tief in die Muskeln, das spüre ich nicht so stark in den Waden wie das Bahnlaufen – das ist intensiver, aber kürzer“, betont Ringer. Darum muss er auch seinen Schritt umstellen. „Auf der Bahn laufe ich stärker auf dem Vorfuß. Die Schritte sind länger und ich ziehe die Knie höher, um mehr Anhub zu bekommen“, sagt Ringer. Auf der Straße läuft er dann stärker auf dem Mittelfuß, er macht deutlich mehr Schritte, die sind aber kürzer als auf der Bahn und fallen ihm daher leichter. „Das ist ein befreienderes Laufen“, sagt Ringer. Und all das wirkt sich dann auch auf die Psyche aus: „Die längere Belastung auf der Straße ist für den Kopf etwas ganz anderes.“

Ringer beschreibt den Unterschied zwischen Straße und Bahn folgendermaßen: „Auf der Straße ist es eine erschöpfende Müdigkeit, weil die Distanz länger ist. Auf der Bahn ist es intensiver und härter – aber ja auch kürzer.“ Mit dieser Umstellung kommen viele eben nicht zurecht.

Dass der Übergang von 5000- oder 10.000-Meterläufern auf die Marathonstrecken schwierig ist, hat auch einer von Deutschlands wohl immer noch bekanntesten Leichtathleten erfahren müssen: Dieter Baumann, OIympiasieger von 1992 über 5000 Meter, versuchte sich in den Endzügen seiner turbulenten und mit Dopingvorwürfen belasteten Karriere am Marathon. Auf seiner Paradestrecke gelangen ihm keine großen Erfolge mehr, und wie so viele andere in die Jahre gekommene Mittelstreckler erhoffte auch er sich noch einmal eine Verlängerung der Karriere. Nur klappte es nicht. Bei seinem ersten Versuch über die rund 42 Kilometer beim Hamburger Stadtmarathon im April 2002 brach er ein und gab das Rennen auf. Erst fünf Jahre später, Baumann hatte seine leistungssportliche Karriere bereits beendet, absolvierte er zum ersten Mal erfolgreich einen Marathon.

Der 54 Jahre alte Schwabe ist inzwischen Kabarettist geworden. Mit seinem Programm „Dieter Baumann läuft halt. (Weil er nicht singen kann.)“ tourt er durch Deutschland. Am vergangenen Mittwoch trat er im Stadthaus Ulm auf, am Samstag war er in der Stadtbücherei Östringen. Baumann ist heute noch genauso drahtig wie früher. Bei seinen Shows steht er auf dem Laufband und macht Faxen. Natürlich erzählt er dabei ein paar Anekdoten von früher, auch sein Scheitern beim Marathon ist ein Thema. Heute kann er darüber lachen. Vor knapp 20 Jahren fand er es nicht lustig, dass er seine sportliche Karriere mit einem Wechsel auf die Marathonstrecke nicht verlängern konnte.

Dieter Baumann weiß: Langstreckler brauchen neue Reize

„Ich war eher ein 1500-Meter-Läufer, ich konnte einen ordentlichen Schlussspurt hinlegen“, sagt er dem Tagesspiegel. „Das war mein Talent, die Langstrecke aber, also Läufe ab 10.000 Meter, waren dagegen schwierig für mich.“ Auch habe er in seiner aktiven Zeit sehr viel im Wald trainiert. „Die Umstellung auf die Straße fiel mir schwer.“ Für Baumann ist der Übergang von der 5000- auf die 10.000-Meter-Strecke eine größere Umstellungsleistung als von den 10.000 Metern auf den Halbmarathon oder den Marathon. Die Disziplinen, sagt Baumann, seien artverwandter. „Deswegen wird aus Richard Ringer ein sehr guter Halbmarathonläufer“, betont Baumann.

Dabei ist es, so absurd es klingen mag, in den Laufdisziplinen selbst im professionellen Bereich nicht selbstverständlich, dass die Athleten in den für sie erfolgversprechendsten Disziplinen starten. Baumann etwa trainierte einst den deutschen Rekordhalter im Marathon, Arne Gabius. Rückblickend sagt Baumann: „Wahrscheinlich haben wir zu lange für die falsche Distanz – die 5000 Meter – trainiert. Arne ist ein toller Marathonläufer, wir hätten vielleicht schon damals den Marathon angehen sollen.“

Auf der anderen Seite gibt es in der Leichtathletikgeschichte auch Ausnahmen, Helden des Sports, die ähnlich gute Leistungen auf der Mittelstrecke wie im Halb- oder Marathon vollbrachten. Läufer wie der Äthiopier Haile Gebrselassie oder eben Kipchoge, der in seiner früheren Karriere schon Weltmeister über die 5000 Meter geworden war. Entscheidend sei, sagt Baumann, die Ökonomisierung bei langen Strecken, also das perfekte Haushalten des Athleten mit seinen Kräften. „Der Fettverbrennungsmotor muss optimal eingesetzt werden“, sagt Baumann.

Ältere und erfahrene Läufer bekommen das häufig besser hin. Der Marathon scheint eine Angelegenheit für die Athleten ab 30 Jahren zu sein. Dafür gibt es mehrere Gründe. „Du verlierst im Alter einfach an Schnelligkeit“, erklärt Baumann, der bei seinem 5000-Meter-Olympiasieg die letzten 100 Meter in 11,7 Sekunden spurtete. „Deswegen wird der Halb- oder Marathon eine Option.“ Außerdem, sagt Baumann, bräuchten ältere Athleten neue Reize, neue Motivationen und neue Ziele, wie sie nun auch Richard Ringer anstrebt.

Für Ringer ist der Halbmarathon ein Abenteuer

Ringer sagt zu seinen Marathon-Plänen: „Ich mache das nicht, weil ich langsamer werde. Ich will einfach etwas Neues ausprobieren. Wenn man immer nur Runden auf der Bahn dreht, brennt man aus.“ Ringer ist ein sehr kluger und analytischer Mensch. Dementsprechend geht er sein Marathon-Projekt an. „Ich will nicht einfach Neuland betreten und mich kalt erwischen lassen“, sagt er. Bei seinem ersten Marathon möchte er dann schon mit einer Zeit von 2:10 Stunden ins Ziel kommen. Wobei längere Strecken kein Neuland für ihn sind. Im vergangenen Herbst beim Frankfurter Marathon war er Tempomacher für Arne Gabius – über mehr als 30 Kilometer, und da passierte er die Halbmarathon-Marke knapp unter 65 Minuten. Seinen ersten Marathon-Wettkampf peilt Ringer für den Winter 2020 oder Anfang 2021 an: „Diese Saison ist ein Testjahr.“

Der erste Test ist nun der Berliner Halbmarathon. Dafür sei eine Zeit unter 63 Minuten Pflicht. „Mit einer Zeit unter 62 Minuten wäre ich zufrieden und eine Zeit unter 61 Minuten wäre Kür“, sagt Ringer. „Die Zeit vom Sonntag wird auf jeden Fall nicht das Ende der Fahnenstange sein.“

Ringer hat sich noch viel vorgenommen für seine bald so richtig beginnende zweite Sportlerkarriere. Allerdings weiß er auch, dass er nicht alles am Reißbrett planen kann. „Eine Stunde Wettkampf habe ich noch nie hinter mich gebracht“, sagt Ringer. Und auch wenn er oft schon längere Distanzen im Training absolviert hat: „Ab Kilometer 15 wird es für mich so richtig losgehen“, betont er. „Das Kribbeln ist da bei mir. Der Halbmarathon wird ein Abenteuer.“ Und vielleicht wird er ja auch der Beginn seines zweiten Karriere-Abenteuers.

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