Berliner lernen schnell : Was hinter dem Aufschwung des 1. FC Union steckt

Der Sieg gegen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach zeigt, dass der 1. FC Union sich an das höhere Niveau der Bundesliga anpassen kann.

Auf Abstand gehalten. Unions Verteidiger Keven Schlotterbeck behauptet sich gegen Gladbachs Stürmer Alassane Plea (llinks).
Auf Abstand gehalten. Unions Verteidiger Keven Schlotterbeck behauptet sich gegen Gladbachs Stürmer Alassane Plea (llinks).Foto: dpa

Die Feierlichkeiten im Stadion an der Alten Försterei dauerten ein wenig länger als üblich, und das lag nicht allein daran, dass der 1. FC Union den Tabellenführer der Fußball-Bundesliga mit 2:0 besiegt hatte. Die Berliner verabschiedeten am Samstagabend ihren Vorsänger, der 13 Jahre lang Unions Kurve dirigiert hatte. Von Falkensee-Finkenkrug im Mai 2006 bis zu Borussia Mönchengladbach im November 2019.

Es ist ein langer Weg, den Union in diesen 13 Jahren zurückgelegt hat: aus der viertklassigen Oberliga in die Bundesliga; aber mindestens ebenso lang ist der Weg, den der Klub seit dem ersten Spieltag im August, seit dem deprimierenden 0:4 gegen Leipzig, hinter sich gelassen hat. Aus dem sicheren Absteiger des Sommers ist im Herbst ein fast schon etabliertes Mitglied der Bundesliga geworden.

Die defensive Stabilität ist zurück

Die Zahlen sind angesichts der Befürchtungen zu Saisonbeginn beeindruckend: Das 2:0 gegen die Gladbacher war bereits der dritte Bundesliga-Sieg in Serie. Dazu hat Union fünf der letzten sechs Pflichtspiele gewonnen; allein gegen den Rekordmeister Bayern München gab es eine knappe Auswärtsniederlage.

„Alle gehen immer davon aus, dass ein Aufsteiger keinen Fußball spielen kann“, sagte Max Eberl, der Sportdirektor der unterlegenen Gladbacher. „Aber Union macht das herausragend.“ Die Mannschaft hat in den vergangenen Wochen gezeigt, dass sie auch auf dem immer noch ungewohnten Niveau sehr wohl konkurrenzfähig ist. „Es ist schwer, uns zu schlagen“, sagte Anthony Ujah, der nach einer Viertelstunde das 1:0 für die Berliner erzielt hatte.

Ujah, vor der Saison aus Mainz verpflichtet, tauchte erstmals seit dem vierten Spieltag wieder in der Startelf auf, und er stand gegen die Gladbacher prototypisch für die Möglichkeiten, die Trainer Urs Fischer dank des erheblich aufgerüsteten Kaders besitzt. Er kann nicht nur taktisch, sondern auch personell auf die speziellen Herausforderungen durch den jeweiligen Gegner reagieren. Die Entscheidung für Ujah war eine bewusste, weil Fischer ihn als Zielspieler im Angriff benötigte, als Anspielstation für die vielen hohen Bälle, mit denen Union operierte. Dass ihm auch noch das vorentscheidende Tor gelang, das den Tabellenführer nachhaltig aus dem Konzept brachte, war so etwas wie ein schöner Beifang.

Torschütze. Anthony Ujah erzielte das 1:0 für Union gegen Gladbach.
Torschütze. Anthony Ujah erzielte das 1:0 für Union gegen Gladbach.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Die Basis für Unions Aufschwung ist die defensive Stabilität. Marco Rose, der Trainer von Borussia Mönchengladbach, erlebte die Berliner „unglaublich gut organisiert und sehr aggressiv vorwärts verteidigend“. Die Gladbacher hatten zwar oft den Ball, trotzdem schafften sie es abgesehen von der ersten Viertelstunde nie, Union unter Druck zu setzen. „Wir wollten es nicht so defensiv machen, wir haben immer wieder rausgeschoben“, berichtete Unions Kapitän Christopher Trimmel.

Auch das spricht für die Lernfortschritte des Aufsteigers. Vor zwei Wochen hatte sich Union zwar mit einem 3:2-Sieg beim FSV Mainz 05 in die Länderspielpause verabschiedet, trotz einer 3:0-Führung aber wurde es am Ende noch ziemlich haarig. Gegen Gladbach nun gerieten die Berliner nie in arge Bedrängnis. In der zweiten Hälfte ließen sie keinen einzigen Schuss auf ihr Tor zu.

Union hat aus dem Mainz-Spiel gelernt

Natürlich sei so ein Spiel wie in Mainz lehrreich, sagte Trimmel. Gegen Gladbach verfiel Unions Defensive nicht wieder in eine passive Abwehrhaltung, sie verteidigte weiter nach vorne: „Wir haben gut durchgeschoben, versucht, die Räume eng zu machen“, sagte Trimmel. Insgesamt habe jeder ein „besseres Gefühl“, wenn der Abstand zum Nebenmann überschaubar ist. „Wir sind wieder da, wo wir hinwollen“, sagte Unions Kapitän. So stabil nämlich wie in der vergangenen Saison, als es die Defensive war, die Union ausgezeichnet hat. „Wenn du daran glaubst, viel arbeitest, dich weiterentwickelst, ist vieles möglich“, erklärte Trimmel.

Unions Abstand zu den Abstiegsplätzen ist inzwischen größer als der zu den Europapokalrängen. Aber das will für Trainer Fischer nichts heißen. „Wir wissen, wo wir hingehören“, sagte er. Es gebe überhaupt keinen Grund, euphorisch zu werden. „Das ist nicht unsere Denkweise“, sagte Fischer. „Es wäre auch falsch so zu denken. Dann bist du sehr schnell wieder auf dem Boden.“

Das 2:0 gegen den Spitzenreiter aus Mönchengladbach war der dritte Heimsieg hintereinander – und der dritte ohne Gegentor. „Die Heimspiele sind für uns sehr wichtig“, sagte Trainer Fischer. „Aber es gilt, dazu zu lernen und auch auswärts zu punkten.“ Die nächste Möglichkeit dazu besteht am Freitag, wenn Union bei Schalke 04 antritt. Am Lernwillen der Mannschaft zumindest sollte nach den vergangenen Wochen niemand zweifeln.

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