Biathlon mit Sehbehinderung : Doppelt fährt besser

Er ist ihr Auge, sie schießt nach Gehör: Biathletin Clara Klug und ihr Guide Martin Härtl sind in der Loipe eins.

Marie Menke
Im Gleichschritt. Clara Klug folgt Martin Härtls Kommandos. Geht ein Schuss daneben, zahlt sie 20 Euro in die Kaffeekasse.
Im Gleichschritt. Clara Klug folgt Martin Härtls Kommandos. Geht ein Schuss daneben, zahlt sie 20 Euro in die Kaffeekasse.Foto: dpa

Während Martin Härtl von drei auf eins herunterzählt, verstärken ein Mikrofon an seinem Kragen und ein um seine Hüfte geschnallter Verstärker seine Worte. Beim Startsignal blickt er sich zu Clara Klug um, die ihm dicht folgt. „Ho-op, ho-op“, ruft er mit jedem Schritt. Seine Stimme ist angespannt, als das Duo im Schießstand ankommt und Klug sich Kopfhörer aufsetzt. Der Ton, den die Athletin darüber hört, ist am höchsten, wenn ihr Gewehr das Zentrum der Zielscheibe anvisiert. Genau dann abzudrücken erfordert Konzentration, denn sehen kann sie ihr Ziel nicht.

Im Biathlon treten Athleten mit Sehbehinderung und sehende Begleitläufer gemeinsam an. Härtl ist nicht nur Spitzensportler, er ist ebenso Klugs Auge. Dafür muss die Kommunikation stimmen: Ein „Hop“ steht für geradeaus, „rechts – drei“ angelehnt an ein Ziffernblatt für eine scharfe Rechtskurve. Auch muss Härtl erkennen, wozu die Athletin fähig ist. Die Pulsuhr, die er trägt, zeigt deshalb nicht seinen, sondern Klugs Puls an. „Man muss sich grün sein“, sagt Clara Klug, denn ein falsches Wort kann den Unterschied zwischen einer sauberen Runde und einem schweren Unfall machen.

An ihrem ersten Wettkampftag in Pyeongchang ist es warm, der Schnee ist zu weich. Als Härtl sich zu Klug umschaut, stürzt er und sie fällt über ihn, später missglückt eine Stockübergabe. „Den zweiten habe ich daneben geballert, kopfmäßig unnötig“, sagt Klug über ihre Leistung beim Schießen. Für die Vize-Weltmeister reicht es nur für Platz sechs.

Er führt sie zielstrebig unter den Rufen der Zuschauer in den Schießstand

Zwei Tage später reibt sich Klug vor dem Rennen die Oberschenkel mit Schnee ein – es ist noch wärmer geworden. Das Duo bewegt sich trotzdem sicher auf der Loipe, nur ein Schuss geht daneben. Das kostet Klug 20 Euro für die gemeinsame Kaffeekasse, spornt sie aber auch an. Auf den letzten Metern ist ihnen die Bronzemedaille sicher – als Klug beinahe stehenbleibt. Das Jubeln der Zuschauer und die Windböen verschlucken Härtls Rufe, und sie glaubt, schon hinter der Ziellinie zu sein. Im letzten Moment brüllt er auf, Klug läuft weiter, bevor sie im Ziel erschöpft in den Schnee fällt. Es ist die erste Medaille für beide.

Am letzten Wettkampftag hat Klug Sauerstoffnot. Atemlos signalisiert sie Härtl in der ersten Runde abzubrechen, aber er führt sie zielstrebig unter den Rufen der Zuschauer in den Schießstand. „Nachdem Martin keine Anstalten machte, meine Bitte aufzuhören anzunehmen, dachte ich, ich laufe, bis ich umfalle“, sagt sie später. Was sie sich selbst nicht zutraut, traut er ihr zu: Klug schießt fehlerfrei, souverän holen sie die zweite Bronzemedaille. Bei der Verkündung zittern sie und Klug steckt Härtl einen Taschenwärmer zu, aber sie strahlen vor Glück.

Der Sport ist absolute Teamarbeit. Doch Begleitläufer gibt es bislang nicht viele, auch weil ihre Leistungen oft im Schatten des anderen Sportlers stehen. „Clara kann nicht ohne mich, ich kann nicht ohne Clara“, sagt Härtl dazu. An die Paralympics seien sie so erwartungslos wie möglich herangegangen, für ihre Zukunft haben sie es sich jedoch zum Ziel gesetzt, dass dieTeamleistung anerkannt wird. Marie Menke, 20 Jahre

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