BIG FOUR - Die US-Sport-Kolumne : NFL-Off-Season: Der ganz normale Wahnsinn

Die Spielpause der NFL wird wieder einmal von spektakulären und unerwarteten Transfers bestimmt.

Gute Laune: Odell Beckhams Wechsel zu den Cleveland Browns sorgte in den USA für mächtig Wirbel.
Gute Laune: Odell Beckhams Wechsel zu den Cleveland Browns sorgte in den USA für mächtig Wirbel.Foto: Julio Cortez/dpa

Die Szene hat längst Eingang in die Popkultur gefunden. Wenn man zum Beispiel durch die Straßen New Yorks streift, die inmitten der gewaltigen Hochhäuser wie Schluchten wirken, findet man sie im Grunde an jeder Ecke; als Cartoon auf T-Shirts, als Streetart an Backsteingebäuden, auf Baseballkappen oder eben als Original-Fotoaufnahme. „The Catch“ ist mittlerweile fast so ikonografisch geworden wie andere Aufnahmen aus der vielleicht großartigsten Stadt der Welt, wie das Mittagessen auf einem Wolkenkratzer etwa oder die weltbekannte Skyline.

Besagter Fang zählt zu den spektakulärsten Szenen in der Geschichte der US-amerikanischen National Football League (NFL). Wie Wide Receiver Odell Beckham Junior im Trikot der New York Giants einen 50-Yard-Pass aus der Luft pflückt und mit einer Hand sichert, obwohl er zuvor von seinem Gegenspieler gefoult worden war, verzückte seinerzeit nicht nur die Kommentatoren. Die Aktion machte aus dem zweifellos talentierten, hochgehandelten jungen Mann über Nacht einen Superstar von internationalem Format, der Fußballer wie David Alaba vom FC Bayern zu seinen Freunden zählt.

Entsprechend groß war die Aufregung im Football-Universum, als Beckham kürzlich seinen Wechsel öffentlich machte: ab der kommenden Saison fängt er Bälle nicht mehr für die New York Giants, sondern für die Cleveland Browns. Selbst in Deutschland fand die Personalie ein gewaltiges Medienecho: „Größter NFL-Star geht zu schlechtestem Team“, titelte die „Bild“ – eine grandiose Übertreibung, aber wen kümmert das schon?

Die Meldung passt in die Zeit. Normalerweise geht es zwischen dem Super Bowl am ersten Februar-Wochenende und dem Saisonstart Anfang September vergleichsweise ruhig in der NFL zu; die ganz große Bühne gehört dann den anderen populären Teamsportarten der Vereinigten Staaten, den Basketballern, Eishockeyspielern und Baseballern. Das Frühjahr 2019 bildet diesbezüglich allerdings eine Ausnahme: Viele Klubs haben spektakuläre, unerwartete Transfers in der Größenordnung Odell Beckhams getätigt: Antonio Brown, einer der besten Receiver der Liga und bisher bei den Pittsburgh Steelers unter Vertrag, trägt künftig das Trikot der Oakland Raiders. Zudem verlieren die Steelers in Running Back Le’Veon Bell einen Leistungsträger; Bell läuft in Zukunft für die New York Jets.

Darüber hinaus trennen sich die Baltimore Ravens von dem Spielmacher, der den Klub 2013 zur Meisterschaft geführt hat: Quarterback Joe Flacco schließt sich mit sofortiger Wirkung den Denver Broncos an. Im Gegenzug verstärken die Ravens ihre Defensive mit Earl Thomas. Der Safety zählte bei den Seattle Seahawks zur „Legion of boom“, der wohl besten NFL-Verteidigung des zurückliegenden Jahrzehnts. Thomas kann in vier Jahren in Baltimore – je nach Leistung – bis zu 55 Millionen Dollar verdienen.

Gemessen an Odell Beckhams Vertrag ist das eine überschaubare Summe; mit einem Gehalt von knapp 20 Millionen Dollar pro Jahr ist der 26-Jährige der am besten bezahlte Receiver der NFL-Geschichte. Trotzdem ist „OBJ“, wie Beckham fast ausschließlich genannt wird, alles andere als unumstritten – eine Gemeinsamkeit, die er mit vielen Starspielern der Liga teilt. Verteidiger Stephon Gilmore von den New England Patriots sagt über Beckham: „Seine Welt ist auf mediale Aufregung und diesen einen Fang aufgebaut. Die Leute wissen, was für ein Spieler und Teamkollege er ist.“ Beckham gilt als Diva erster Klasse, der seine alten Teamkollegen bei den New York Giants mehrfach öffentlichkeitswirksam zusammenfaltete und kritisierte. „Odell Beckham ist nur eine Person wichtig: er selbst“, sagt Gilmore, dessen Team über eine Verpflichtung des Receivers nachdachte, am Ende aber doch Abstand davon nahm.

Gewaltige Egos

In der NFL, zumal auf Schlüsselpositionen, sind die Egos oft so gewaltig wie die Muskelberge der Spieler. Quarterback Joe Flacco wurde zum Beispiel bekannt dadurch, dass er immer dann besonders gute Leistungen zeigte, wenn sein Vertrag wenig später auslief. Vor sechs Jahren warf er die Baltimore Ravens fast im Alleingang zur Meisterschaft; Flacco spielte überragende Play-offs und zeigte auch im Endspiel eine starke Partie. Als Lohn dafür gab es einen dicken Vertrag, mit dem sich die Ravens allerdings ins eigene Fleisch schnitten; sie bewegten sich so dicht an der vorgeschriebenen Gehaltsobergrenze, dass sie keine anderen Verstärkungen holen konnten. Und Flacco? Spielte maximal durchschnittlich.

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In Cleveland, der neuen Heimat Odell Beckhams, hoffen sie darauf, dass sich dieses Phänomen nicht wiederholt – und dass ihr Neuzugang mit sportlichen Leistungen auf sich aufmerksam macht – genau wie bei seiner berühmtesten Aktion, genau wie bei: „The Catch“.

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